Ferdinand Schießl heute vor vier Jahren gestorben

Der Filmemacher Max Kronawitter anlässlich des Todes seines Freundes Ferdinand Schießl in seiner sehr persönlichen Widmung: „Der Tod verwandelt unsere Beziehungen nur, zerstören kann er sie nicht!“

Auf den Tag genau vor vier Jahren hat uns Ferdinand Schiessl viel zu früh und für immer verlassen. Ein bisschen ist der „Behindertenaktivist der ersten Stunde“ aber bei uns geblieben. Wir dürfen ihn in unserer Erinnerung behalten und in unser Herz schließen. Damit wir das können, müssen wir ihn nur von Zeit zu Zeit in unsere Erinnerung zurück holen. Und was ist dafür besser geeignet, als der Nachruf, in dem sich sein Freund, der Filmemacher Max Kronawitter, unmittelbar nach Ferdi’s Tod sehr persönlich an seinen Freund gewendet hat? Nichts.

Für FerdI von Max Kronawitter am 14.07.2014

„1000 Jahre möchte ich alt werden“. Diesen Satz hat mir der Ferdinand vor 15 Jahren so überzeugend und strahlend in die Kamera gesagt, dass keiner auch nur den leichtesten Zweifel daran hatte, dass er damit Ernst machen würde. Über 940 Jahre fehlen noch und trotzdem ist er nicht mehr unter uns. Vielleicht ist sein Tod deshalb so unglaublich.

Sein Sterben hat alle überrascht. Man war es ja gewohnt vom Ferdi, dass man mit Überraschungen rechnen musste.Immer wieder kam er mit Neuigkeiten, die die man nicht für möglich gehalten hätte. Nun ist es sein Tod.

Ferdi war klein von Gestalt, aber er war ein großer, ein ganz großer Mensch. Einer zu dem man sich hinab gebückt hat, um zu merken, das man eigentlich zu ihm aufschaut. Man musste ihn bewundern ob seines Optimismuses, seines Mutes und ob seiner Fähigkeit, einen anderen Blick auf die Welt zu werfen.

„In Discos mag ich nicht gehen,“ hat er in seinem letzten Film ‚Küss mich, Frosch‘ gesagt. „Weil ich da immer auf Ärsche schauen muss“. Ja, er hatte auch eine kraftvolle Sprache, mit der er die Dinge benannt hat. Ferdi wollte sich nicht irgendwie im unteren Bereich bewegen. Nein, er wollte etwas sehen,wollte auf Augenhöhe mit andern Menschen zusammen sein und dafür hat er stets gekämpft.

Ferdi war ein Vorkämpfer. Einer, der kein Blatt vor den Mund genommen hat, wenn er das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Gefahr sah. Dabei hatte er die Erfahrung gemacht, dass man tatsächlich etwas bewirken kann, wenn man an die Öffentlichkeit geht. Je mehr ihm das klar geworden ist, desto mehr sah er seine Begabung auch als seine Verpflichtung an. Seine gewinnende, unwiderstehliche Art, seine Popularität und Bekanntheit hat er nie nur für sich genutzt, sondern sie immer in den Dienst seiner Sache gestellt und die war: Ein lebenswertes Leben für alle. Dafür hat er sich engagiert, aber niemals verbittert!
Mitleids-Appelle waren ihm ein Graus. Es ging ihm stets um Argumente.

Leidenschaftlich hat er diskutiert und dabei seine Überzeugung mit einem Lächeln zur Sprache gebracht: Besonders im Umgang mit den Schwachen zeigt sich deutlich, wie tragfähig und human eine Gesellschaft wirklich ist. Ferdi ging es immer um ein Miteinander, welches die Rede von sogenannten Behinderten und Nichtbehinderten absurd erscheinen lässt. „Sind wir nicht alle behindert?“ hat Karin einmal gefragt. Ferdi und Karin haben eindrücklich demonstriert wie unsinnig es ist, Menschen in Fußgänger und Behinderte einteilen zu wollen. Zitat Karin: „Ferdi ist kein ‚Behinderter‘. Er ist der Ferdi, aus!“

Es gab kein Thema über das man nicht mit ihm diskutieren konnte, kein Gedanke, mit dem er sich nicht schon einmal beschäftigt hätte. Doch mit der Religion hat er es nicht sehr gehabt. Von einem Pfarrer wollte er sich nicht begraben lassen. Dass es trotzdem in seinem Freundeskreis auch eine Nonne, einen Theologen und einen Pfarrer gibt, ist kein Widerspruch: Ferdi war offen für alles. Nicht die Zugehörigkeit zu irgendetwas war für ihn entscheidend, sondern immer der Mensch. Darauf kam es ihm an. Für ihn gab es keine Schubläden.

Sein Bekenntnis war: Das Leben ist schön! Daran hat er fest geglaubt, das war seine Spiritualität. Sie war nicht weniger tief, wie das Bekenntnis vieler, die dazu in die Kirche gehen. Mit diesem „Das Leben ist schön!“ rührte Ferdi an das tiefste Geheimnis des Lebens und spürte offenbar etwas von dem bedingungslosen „JA“ hinter allem.

Bei unseren Dreharbeiten haben wir ihn auch in eine Turnhalle begleitet. Zusammen mit seinem Freund Christian und unterstützt von Karin hatte er sich vorgenommen, Kindern die Angst vor dem Rollstuhl zu nehmen. Spielerisch sind die Kleinen mit ihm durch die Halle gejagt. „Wenn mir eine Mutter erzählt ’so glücklich hab ich mein Kind noch nie gesehen!‘, dann läuft es mir eiskalt den Rücken hinab.“ hat er anschließend erzählt. Dafür hat er viel Mühe und Herzblut gegeben.

Doch statt mehr Unterstützung von der Gesellschaft zu fordern, ist er eigeninitiativ geworden. Er hat anderen geholfen, damit sie das selbe „JA“ zum Leben sagen können, so wie er es vorgelebt hat. Er hat einfach alle eingeladen, mit ihm in die Schule der „Leichtigkeit des Lebens“ zu kommen: „Schaut nicht auf eure Handikaps,“ hat er gepredigt. „sondern auf die 1000 Dinge um euch herum, die doch wunderbar sind.“

Für die Eltern war es zunächst eine Katastrophe, was mit ihrem Ferdi passiert ist. Doch auch sie haben im Laufe der Jahrzehnte immer mehr gemerkt, dass ihr Kind nie aufgehört hat, ein Geschenk an sie zu sein. Ferdis Besuche bei den Eltern waren ein regelmäßiges Ritual, auf das andere Eltern neidisch sein könnten. Wenn der Papa im Garten gegrillt und die Mama den Kartoffelsalat gebracht hat, dann haben sie ihr Leben geteilt. Ein Geben und Nehmen war das und wirkliches Familienglück war spürbar.

Was wird sein, wenn wir einmal nicht mehr sind? Lange hat die beiden diese Frage umgetrieben. Nun ist ihnen der Ferdi vorausgegangen, hat ihre Sorge aufgelöst. Eines der größten Geschenke für die Eltern war, mitzuerleben, wie der Ferdi plötzlich noch einmal ein ganz anderer geworden ist. Auch wenn sie am Anfang, als die Karin auftauchte, verunsichert waren, so haben sie schnell gemerkt, dass der Ferdi nicht nur eine Partnerin gefunden hat, sondern sie selbst eine Tochter bekommen haben. Was hier gewachsen ist, bleibt, auch wenn der „Grund“ dafür nun nicht mehr dabei sein wird. Was zwischen Euch gewachsen ist, wird euch helfen die Wochen und Monate,die jetzt kommen, zu bestehen.

Karin, 12 1/2 Jahre seid ihr ein Paar gewesen. Und immer, wenn jemand gesagt hat, du würdest dich jetzt um einen Behinderten kümmern, bist du wütend geworden… „Der Ferdi ist mein Mann!“ hat sie mit derselben Selbstverständlichkeit gesagt, mit der sie ihre Beziehung gelebt haben. Und der Ferdi hat gesagt: „Dass ich die Karin kennengelernt habe, ist wie die Heilung von einer schweren Krankheit.“ Und immer wieder hat er das Bild des Engels verwendet: „Die Karin ist für mich ein Engel.“ Diese Liebe war für den Ferdi das Wunder seines Lebens. Mehr kann Liebe nicht leisten!

Nach Australien, wie sie es so gerne getan hätten, werden die beiden nicht mehr reisen. Und auch nicht in die Toskana, wo sie für diesen Sommer schon ein Zimmer mit Meerblick gebucht haben. Statt auf das Meer, wird der Blick in die Unendlichkeit schweifen, quälend mit der Frage: „Warum?“, „Warum so früh?“ Karin wird künftig – wie sie es bei Australienreisen schon öfters machen musste – alleine reisen. Aber sie wird ihren Ferdinand mitnehmen können. Er wird dabei sein: über ihr, in ihr, neben ihr und er wird nicht mehr gelangweilt daheim warten, bis sie endlich wieder da ist.

Der Tod verwandelt unsere Beziehungen nur, zerstören kann er sie nicht! Auch die Assistenten stehen vor einer Leere. Jahrelang haben sie Ferdi die Hände geliehen, die er nicht bewegen konnte. Sie waren für ihn nicht nur Helfer, sondern Weggefährten, Freunde, die wie in einer Art zweiter Familie um ihn waren und nicht nur dafür gesorgt haben, dass er versorgt wird, sondern dass um ihn das Leben pulsiert. Ihnen verdankt er viel! Und er hat nie vergessen, dass sie es waren, die ihm den Horizont aufgetan haben…

Der Ferdi war ein Gesellschaftsmensch. So wie er konnte keiner lachen. Ob beim Schafkopfen oder bei einem gutem Essen bereitet von Meisterköchen aus dem Helfer- oder Freundeskreis, ein gutes Glaserl Wein getrunken aus dem Strohhalm (aus Glas musste dieser allerdings schon sein!) durfte nicht fehlen. Er konnte sich über alles so sehr freuen. Er war ein Genießer – einer, für den jeder Atemzug ein Geschenk war. Hier war er ein Lehrmeister für alle andern:„Das Glück liegt im Augenblick, nutze die Zeit!“

„Frosch“ wurde er (wegen seiner Atmung) und hat er sich auch gerne selbst genannt. Die Geschichte vom Frosch, der gerne geküsst werden möchte, hat er gemocht. Im Märchen passiert im Augenblick des Kusses die Verwandlung: Aus dem kleinen Fröschlein wird ein strahlender Königsprinz. Vielleicht ist es diese Verwandlung, die sich in diesen Tagen vollzieht: Die Liebe macht ihn noch einmal ganz neu, unseren Ferdinand!

Ferdi wollte keinen Pfarrer an seinem Sarg. Dass man Menschen Trost, Segen und Mut zuspricht, das hat er selbst gelebt. Und so möchte ich am Schluss eine Bitte anfügen, gerichtet dorthin, wo manche meinen, dass nun auch der Ferdi einen Ort gefunden hat: „Gott, du Urquell des Lebens, du hast uns den Ferdi viel zu früh genommen, hast uns durch seinen Tod mit etwas konfrontiert, was wir jetzt nicht verstehen. Schenke ihm jetzt die Fülle des Lebens, mach an ihm vollkommen, was noch unvollkommen war. Lass die Trauernden spüren, dass er nicht einfach nur weg ist, sondern dass er nur ein anderer geworden ist,dort wo du uns alle erwartest, in Deinem Reich, wo tausend Jahre wie ein Wimpernschlag sind.“

Zum Autor: Max Kronawitter ist  der Filmemacher, der „1000 Jahre möchte ich alt werden“ und „Küss mich, Frosch“ gedreht hat. Er war ein  Freund von Ferdi. Er ist auch der „Theologe“, von dem im Text die Rede ist.

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3 Kommentare

  1. Karin Knoll sagt am 14.07.2018 um 12:05:

    DANKE !!!

  2. Lothar sagt am 14.07.2018 um 12:44:

    Sehr, sehr gerne, Karin!

  3. Isolde Strecker sagt am 14.07.2018 um 21:18:

    Leider konnte ich Ferdinand nicht kennen lérnen, aber das was ich von ihm erfahren durfte muss ich zugeben er währe mir ein lieber Gesprächspartner gewesen. Schade daß er so bald hat gehen müssen.

    Gerne würde ich sagen , man sieht sich. Irgendwann
    Tschüss. Ferdinand

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