Paul Cramer: Mein schönes wildes Leben

Viele Polionauten können auf ein sehr bewegtes und spannendes Leben zurück blicken. Das hat mit ihrer Persönlichkeit zu tun, also damit, wie sie „gestrickt“ sind. In vielen Fällen hängt es aber sicher auch mit ihrer Poliomyelitis zusammen, die sie zumeist als Kind durchmachen mussten. Aber soviel steht fest: Sie können uns im besten Sinne der Bedeutung des Wortes was erzählen. Wie schön also, wenn Sie uns an den „Abenteuern ihres Lebens“ teilhaben lassen.

So auch der Autor Paul Cramer, dessen richtiger Name der Redaktion zwar bekannt ist, die ihn aber nicht preisgeben darf. Viele von uns dürfte Paul Cramer aber auch als Kolumbus aus dem Forum dieser Plattform bekannt sein. Der Name ist hier übrigens Programm, denn wir haben es hier, genau wie bei der historischen Figur „Kolumbus“ mit einem Weltenbummler zu tun, der in seinem Leben vor allem eines gesucht und auch gefunden hat: das Abenteuer in der großen weiten Welt. Die nachfolgende Kurzbiografie beweist das eindrucksvoll.

Diese Kurzbiografie ist übrigens auch Teil des bei der Eika e. V. bereits vor einiger Zeit erschienenen Lesebuches für Polionauten, das sie schnell und unkompliziert bestellen können. Die Details dazu finden Sie hier:

Lesebuches für Polionauten

Jetzt aber erst mal viel Vergnügen beim Lesen.

Ich wurde 1953 in Mittelamerika, in El Salvador geboren.

Meine Eltern waren 1950 hierhin ausgewandert, wobei mein Vater als Kind eines Deutschen und einer salvadorianischen Mutter auch bereits in El Salvador geboren war. Er hatte seine Ausbildung als Mediziner in Deutschland gemacht und war jetzt mit meiner Mutter wieder in sein Geburtsland zurückgegangen.

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Polio war in diesen Jahren schon ein großes Problem, aber in diesen Ländern war die Ansteckungsgefahr natürlich noch extremer.

Ich war gerade 6 Wochen alt, als meine Eltern bemerkten, dass ich meine Arme und mein rechtes Bein nicht mehr bewegen konnte.Mein Vater als Arzt bestellte sich gleich in den USA eine „Maschine“ (sie sah wirklich so aus, wie man sich ein Gerät in Frankensteins Keller vorstellt) , mit der man durch Reizstrom die Muskelfunktionen anregen konnte. (Ich habe diese Maschine später – nach über 25 Jahren – zufällig bei meinem Vater in der Praxis gefunden und er erklärte mir, wofür er sie damals benutzt hatte.

Es interessierte mich und ich bat ihn, sie noch mal bei mir auszuprobieren. Er schnallte diese altmodischen Gummilaschen um meinen Arm, schaltete die Maschine an und : PENG, ein Stromschlag unvorstellbarer Stärke durchdrang meinen Körper. Dass man mit dieser Höllenmaschine mich damals als Baby behandelt hat, erschien mir unvorstellbar). Jedenfalls bildeten sich damals die Lähmungen teilweise zurück (ob die Maschine dabei geholfen hat???) und es blieb eine schlaffe Lähmung am linken Arm zurück.

Die linke Hand konnte ich noch ganz gut bewegen und ich lernte eigentlich schnell, alles zu machen, was meine Freunde auch taten: auf Bäume klettern, den Fahrtenschwimmer machen, Fahrrad fahren, – eben alles. Es gab eigentlich nichts, was ich nicht gemacht habe.

Als ich 4 Jahre alt war, zog meine Familie wieder nach Deutschland zurück, da meine Mutter es in diesem „Affenland“,wie sie es liebevoll nannte, nicht aushielt. Die ersten Jahre in Deutschland und in der Schule waren teilweise sehr hart. Die Kinder hänselten mich, und ich weiß, dass ich viel geweint habe. Nach einem Umzug aber änderte sich diese Situation und ich hatte während meiner gesamten Schulzeit nie mehr irgendwelche Probleme dieser Art.

Ich musste auch im Sportunterricht „normal“ mitmachen. Problematisch war es beim Geräteturnen, bei dem ich außer Bockspringen eigentlich nichts machen konnte. Meistens musste ich dann in der Ecke sitzen oder Hilfestellung geben. Sogar an den Bundesjugendspielen im Winter musste ich teilnehmen, musste mich normal in der Riege aufstellen, – als ich drankam, sahen die Lehrer natürlich, dass ich mit meinem „dünnen Arm“ nicht am Barren turnen konnte. Daraufhin wurde ich sozusagen „ausgemustert“ und durfte den Rest des Vormittags als Zuschauer verbringen.

Im Nachhinein frage ich mich natürlich, warum mein Vater, der ja Arzt war, mir nicht ein entsprechendes Attest geschrieben hat, um mich hier vor der Teilnahme zu befreien, oder warum mein Sportlehrer mir nicht gesagt hat, dass ich da nicht mitmachen müsste.

Für meinen Vater war das Thema “Behinderung“ immer tabu. Er hat bis zu seinem Tode nie mit mir darüber geredet und immer so getan, als wäre ich „normal“. Er wollte auch nie, dass ich durch meine Behinderung irgendwelche Vergünstigungen bekomme. Sein Motto war: aus einer Behinderung darf man keine Vorteile schlagen. (witzigerweise reichte er aber später meinen Schwerbehindertenausweis bei seiner Steuererklärung ein, um hier meinen Freibetrag für sich geltend zu machen).

Meine Mutter war hart und ungerecht. Wenn ich beim Laufen den linken Arm nicht anheben konnte und dieser schlaff am Körper baumelte, äffte sie mich oft nach, indem sie so vor mir auf und ab lief. Sie zog immer meinen Bruder und meine ältere Schwester vor. Auch die Geschwister verbündeten sich gegen mich, so dass ich zuhause keine Lobby hatte.

Es war ein Segen für mich, dass sie mich im Alter von 14 Jahren in ein Internat steckten. Trotz allen häuslichen Terrors hatte ich ziemliche Angst vor diesem Wechsel, mein Elternhaus zu verlassen.

Außerdem hatte ich noch bis zu diesem Tag „ins Bett gemacht“. Fast jeden morgen, wenn ich aufwachte, musste ich feststellen, dass mein Bettlaken nass war. Ich konnte einfach nichts dagegen tun. Meine Mutter begegnete diesem Problem mit unerbittlicher Härte. Sie schlug mich und demütigte mich (einmal musste ich mit dem nassen Schlafanzug 100 m vor unserem Haus auf und ab laufen, damit alle Nachbarn sehen sollten, was ich für ein „Schlappschwanz“ war (das war immer ihre Lieblingsbezeichnung für mich).

Ich erinnere mich, dass wir einmal Urlaub mit der ganzen Familie in Österreich gemacht hatten. Ich glaube, ich war so 11 Jahre alt. Jeder der drei Kinder bekam als Urlaubsgeld 100 Schillinge (ca. 7,-,€) eine in dieser Zeit für mich unvorstellbare Summe. Ich hatte mir schon ein Modellflugzeug in einem Laden an unserem österreichischen Urlaubsort ausgesucht, da eröffnete mir mein Vater noch am selben Tag (!) , dass ich ihm die 100 Schilling wieder zurückgeben müsste. Nach seiner bestechenden Logik würde ich ja sowieso wieder „ins Bett machen“, also auch im Hotel. Meine 100 Schilling wollte er dann dem Hauspersonal geben, sozusagen als kleine Entschädigung für den Ärger und die Arbeit mit meinen nassen Bettlaken.

Erstaunlicherweise war ich vom ersten Tag im Internat „trocken“ und es ist mir ab da auch nie mehr passiert.

Die Internatszeit war für mich sowieso das Größte. Ich kam mir vor wie in einem Buch der „Fünf Freunde“ und „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ gleichzeitig. Es war einfach toll und genoss zum ersten Mal in meinem Leben so etwas wie eine Familie.

Natürlich war das keine richtige Familie, aber die einzelnen Gruppen wurden als Familien bezeichnet und hatten ihren „Familienvater“. Ich habe das Internatsleben geliebt. Auch die Schule verlief problemlos und ich schaffte mein Abi 1973 locker.

Danach kam erstmal ein tiefes Vakuum. Ich vermisste mein Internat und das Haus meiner Eltern war für mich danach eigentlich nur noch eine Schlafstätte. Ich ging nach Göttingen um Sozialwissenschaften zu studieren. Eigentlich wollte ich in dieser Zeit Journalist werden, hatte aber im Grunde genommen keine Ahnung, was ich dafür brauchte.

So vergammelte ich mehr oder weniger das erste Semester, worauf mein Vater mir den monatlichen Unterhalt sperrte. Das war so seine Art, ob ich davon Miete bezahlen musste oder nicht, interessierte ihn wenig.

Ich suchte mir daraufhin einen Studentenjob und arbeitete in den nächsten 4 Monaten bei Bosch in der Lagerhalle. Das war eine Knochenarbeit: schwerste Kisten schleppen, Lastwagen beladen, Paletten aufstapeln. etc.- und ich habe alles mit einem Arm gemacht. Ich fand das in dieser Zeit auch ganz normal und der Vorarbeiter hat nicht einmal gefragt, was ich am Arm hätte.

Mir war das ganz recht so. Im kommenden Wintersemester wechselte ich dann mein Studienfach und studierte Lehramt für Grund -und Hauptschule. Mit völlig verklärten Vorstellungen was „Schule“ und „Lehrer“ eigentlich bedeuten, zog ich mein Studium recht zügig durch und legte 1977 mein 1. Staatsexamen ab.

Danach ging ich zusammen mit meiner damaligen Freundin zurück nach El Salvador. Meine Tante hatte dort eine kleine Privatschule und ich unterrichtete dort Deutsch, Mathe, Kunst- alles Mögliche halt.

Es war eine herrliche Zeit, exotisch und aufregend und keiner konnte ahnen, dass dieses kleine Land kurz vor einem brutalen 12 Jahre andauernden Bürgerkrieg stand.

Ich wollte damals eigentlich für immer in El Salvador bleiben, meine Freundin drängte aber nach 2 Jahre auf die Rückreise nach Deutschland, da wir noch unser 2.Staatsexamen machen mussten.

Schweren Herzens verließen wir unser kleines Paradies, mit ihrem Versprechen, nach Ablauf des Referendariats nach 18 Monaten wieder zurückzukommen. Wir bekamen eine Stelle im Emsland und es waren für mich eine der schwersten 18 Monate meines Lebens.

In meinem Herzen war ich immer noch in El Salvador und es fiel mir schwer, mich wieder in Deutschland einzugewöhnen. Auch merkte ich plötzlich, wie unangenehm es mir war, wenn die Schüler auf meinen gelähmten Arm sahen.

Auch scheute ich mehr und mehr soziale Veranstaltungen. Meine Behinderung konnte man auf den ersten Blick nicht sehen (heute schon), und es war für mich der blanke Horror, auf Veranstaltungen zu gehen, auf denen getanzt wurde.

Meine schlimmste Angst hatte (und habe ich) vor folgender Situation: Ich bin in einem großen Saal, mit vielen Leuten. Plötzlich werden Personen (darunter ich) aufgefordert, nach vorne zu kommen, um vielleicht irgendein Spiel zu machen. Dabei müssen sie beide Arme hochheben.

Das kann ich natürlich nicht. Aber ich weiß nicht, wie ich es in dieser Situation erklären soll. Alle Leute schauen auf mich und lachen, weil ich mich so blöde anstelle. Ich möchte auch nicht einfach so weggehen, aber was soll ich machen?

Oft verlasse ich einfach vorher den Saal, bleibe draußen, atme tief durch, und fühle mich sehr schlecht. Ich habe Schweißausbrüche, ich zittere und mir ist speiübel. Auch habe ich fürchterliche Angst, wenn alle im Saal tanzen.

Eigentlich würde ich auch gerne mittanzen, aber ich kann eine Frau nicht mit dem linken Arm „führen“. Ich fühle mich elendig. Fühle mich beobachtet (Warum tanzt der nicht?). Wenn eine Frau mich zum Tanzen auffordert, lehne ich mit einer Ausrede ab.

In diesen Situationen hilft auch kein Alkohohl. Die Angst ist einfach stärker. Ich fühle mich dann so minderwertig und hasse alle Gesunden um mich herum. Ich verachte sie, weil sie sich nicht in mich hinein denken können (wie sollten sie auch, sie wissen es ja nicht) , in was für einem elendigen seelischen Zwiespalt ich mich befinde.

Ich wünschte dann, jemand würde seinen Arm um mich legen und sagen: „Ich weiß, wie schwer das hier jetzt für dich ist, aber mach Dir keine Sorgen, ich pass auf Dich auf, und wenn etwas Peinliches passieren sollte, bin ich bei Dir.“ (Aber natürlich passiert das nur in meinem Kopf).

Ich habe darunter sehr gelitten und ich fing an, Tranquilizer zu schlucken. Sie ließen mich auf Wolke 7 schweben, und mit ihnen war alles um mich herum in rosa Watte gehüllt. Wenn ich diese Tabletten genommen hatte, konnte nichts auf der Welt mich verletzen, – ich war stark und unbesiegbar.

Mit den Wochen musste ich immer mehr Tabletten nehmen, da die Wirkung sonst nachließ. Ich hatte mich einem Arzt anvertraut, der mir immer genug „Nachschub“ besorgte. Auch bekam ich IMAP –Spritzen, die mich immer so für eine Woche beruhigten.

Der Erfolg war, dass ich immer gleichgültiger wurde, und dabei auch immer ängstlicher. Zwischendurch bekam ich regelrechte Panikattaken. Ich dachte, ich müsste sterben, so eine Angst hatte ich, – vor Allem und Jedem. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und schluckte alle Tabletten, die in meiner Reichweite waren, nur um dieses Angstgefühl loszuwerden.

Ich weiß nur noch, dass meine Freundin mich ins Krankenhaus gefahren hat, wo mir dann der Magen ausgepumpt wurde. Das 2. Staatsexamen habe ich dann doch noch mit Müh und Not erfolgreich beendet und ich bin anschließend direkt wieder nach El Salvador geflogen, um dort wieder als Lehrer zu arbeiten.

Meine Freundin blieb zurück in Deutschland; für sie stand es bereits damals in El Salvador fest, nicht wieder in dieses mittelamerikanische Land zurück zugehen (sie hatte es mir also nur vorgelogen –„eine kleine Notlüge“, wie sie mir später – nach Jahren – einmal erzählte).

Egal, ich war erstmal der glücklichste Mensch der Welt. Das Leben und Arbeiten hier machte mir Spaß- obwohl mittlerweile der Bürgerkrieg voll ausgebrochen war und wir wirklich im Krieg lebten.

Ausgangssperre nachts von 18: Uhr bis 6:00 Uhr morgens, überall Militär. Man kann sich das nicht vorstellen, welche Angst sich in den Menschen aufbaut, wenn man Angst hat zu sterben. Man kann keine Polizei rufen, da die Polizisten die eigentlichen Verbrecher sind! Das Militär hatte eine Ausgangssperre verhängt. Kein Mensch und kein privates Auto durften in dieser Zeit auf den Straßen sein, es wurde sofort scharf geschossen.

Nachts waren die so genannten Todesschwadrone (escuadron de la muerte) unterwegs. das waren meist Militärs, häufig in Zivil gekleidet, die wahllos Menschen aus ihren Häusern herausholten, sie entweder direkt erschossen, oder, was leider häufiger war, sie mit in ihre Lager nahmen, sie bestialisch folterten und dann – ein paar Tage später- die Körper auf die Straße warfen- daneben die abgeschnittenen Köpfe.

Oft hab ich dies bei meiner morgendlichen Fahrt in die Schule mit ansehen müssen. Es war aber nicht so, dass wir immer nur „zitternd im Keller gesessen hätten“. Der Tage verliefen meist ganz normal bei tropisch herrlichem Wetter und die Nächte mit ihren Ausgangssperren versüßten wir uns oft durch ausgiebige Partys mit Cuba libre und hübschen Señoritas, die ja nun „leider“ alle bei uns übernachten mussten.

Bald darauf lernte ich auch meine spätere Frau kennen und bereits nach 6 Monaten heirateten wir. Kurz nach unserer Hochzeit hatten wir ein Schlüsselerlebnis:

Es war ca. 22 Uhr, es war eine tropische Nacht, es war alles still um uns herum, und man hörte nur die Grillen zirpen. Noch immer war es ca. 25 Grad warm und wir lagen bereits im Bett, als wir dieses typische Motorengeräusch hörten. Da Privatwagen wegen der Ausgangssperre nicht unterwegs sein durften, musste es sich um ein Militärfahrzeug handeln.

Es war wirklich dieses tiefe Brummen der achtzylindrischen großen Militärjeeps, die man schon von weitem hören konnte. Der Wagen war noch sehr weit entfernt, aber das Geräusch wurde jetzt stärker.

Ich wurde unruhig, stieg aus dem Bett und ging auf die Terrasse. Von hier aus hatte ich einen guten Überblick auf die Straße vor unserem Haus. Das Brummen kam jetzt näher und ich sah plötzlich die Lichter des Wagens und dann den schweren Pickup, der in unsere Straße einbog. Es war eine Sackgasse und wer hier einbog, konnte eigentlich nur zu uns wollen.

Mir wurde schlecht vor Angst: auf der Ladefläche konnte ich im Halbdunkeln sechs Soldaten mit Helmen und mit ihren Maschinengewehren erkennen. Für mich war klar: die wollten zu uns, würden die Türe eintreten oder aufschießen, meine Frau vergewaltigen und mich mitnehmen, um mich dann zu foltern und anschließend zu töten.

Das war das typische Prozedere und kein Mensch in diesem Land würde am nächsten Tag danach fragen, was hier passiert war. Ich überlegte fieberhaft, was wir machen sollten. Das Beste wäre gewesen, auf das Dach des Hauses zu klettern oder über den Garten nach hinten abzuhauen, um sich irgendwo in den Büschen zu verstecken. Besonders intelligent waren diese Bauern-Militärs nicht und man konnte davon ausgehen, dass sie ihre erfolglose Suche dann schnell abbrechen würden.

Ich beobachtete die Soldaten, ohne dass sie mich entdecken konnten. Jetzt sah ich, wie sie plötzlich alle ihre Maschinen-Gewehre hochnahmen und – auf die Seite legten. Sie zündeten sich eine Zigarette an. Sie wollten gar nicht zu uns, sondern machten lediglich eine kleine Zigarettenpause, auf ihrer Mörderfahrt durch die Nacht.

Mir fiel ein Stein vom Herzen und doch war diese Szene so einprägsam, dass sie mein ganzes Leben verändern sollte.

Die Nacht, die mein Leben veränderte.

Die nächsten Tage und Wochen waren geprägt von dieser Angst. Sobald ich abends ein Autogeräusch hörte, sprang ich aus dem Bett auf, wachte mitten in der Nacht auf, hatte Halluzinationen, ich hörte Dinge, die einfach nicht da waren, ich hatte höllische Angst, eines Tages von diesen Todesschwadronen abgeholt zu werden. Ein Freund von mir besuchte mich in El Salvador und hatte mir ein kleines Büchlein mitgebracht, ich glaube es war von Amnesty International und darin berichteten Leute, die diese Massaker und Folterungen der Todesschwadrone überlebt hatten. Es waren schreckliche Berichte mit mir bisher unvorstellbaren Gräueltaten und ich konnte einfach nicht glauben, was ich da las. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass mein geliebtes Land von solchen Mördern regiert wurde.

Viele Menschen machen sich keine Vorstellung, was Bürgerkrieg wirklich bedeutet und denken: vielleicht geht es ja zu, wie im Wilden Westen: zack- Saloontür auf, Revolver rausziehen- zack- abdrücken – tot. Dies ist wahrscheinlich die nette Variante, die gibt es aber vermutlich nur im Film. In Wirklichkeit regiert der Hass, ein unglaublich perfider, unendlicher Hass, der die Menschen zu ALLEM fähig macht. Die Angst steigerte sich von Tag zu Tag, die Morde nahmen zu, Militärkontrollen an jeder Ecke, jeden Morgen die gleichen Nachrichten: „weißt du schon, der und der ist tot.“ In den Zeitungen erschienen Anzeigen des Militärs mit dem Inhalt: „Wenn dir dein Nachbar verdächtig vorkommt, rufe diese Telefonnummer an“. Wir alle wussten, was dann mit diesen Menschen passierte. Viele Menschen versuchen in die Nachbarländer nach Guatemala oder Mexico zu fliehen. Das Traumland aller ist die USA. Auch wir bekommen Zweifel, ob wir hier lange aushalten können. Gibt es hier eine Zukunft? Was passiert mit unseren Kindern? Wir überlegen, grübeln, trinken Cuba libre, liegen am Strand und denken: mañana,- morgen finden wir eine Lösung. Aber es kam alles so plötzlich. Alles so ganz anders, als wir uns vorgestellt hatten.

Wir wachten eines Morgens auf und wussten beide: wir können keinen Tag mehr in diesem Land leben. Wir müssen hier raus, wenn wir nicht vor Angst sterben wollten. Wir packen unsere paar Sachen, besorgen uns zwei Tickets nach Frankfurt und fliegen noch am selben Tag zurück nach Deutschland. Es war unfassbar. Bis heute verstehe ich nicht die innere Macht, diese Kraft, die uns buchstäblich gezwungen hat, dieses Land so schnell zu verlassen. War es Eingebung, Vorahnung, Schicksal? Jahre später erzählte mir meine Tante, dass mein Bild bei der Guardia Nacional (der gefürchteten Nationalgarde von El Salvador – so eine Art Totenkopf – SS) gehangen hätte. Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis sie mich auch geholt hätten…..

Unsere Rückkehr nach Deutschland war eine schreckliche Odyssee. Wir hatten jetzt kein Zuhause, kein Geld, keinen Job, keine Versicherung, nichts. Wir wohnten einige Tage bei meinen Eltern, waren allerdings nach einigen Tagen wieder so zerstritten, dass ein Zusammenleben hier unerträglich wurde. Mein Vater warf mir vor, ich sei ein Feigling, dass ich El Salvador verlassen hätte. Wir zogen zu meinem Freund H. aus Internatszeiten nach Koblenz. Er wohnte zusammen mit seiner Frau und seinen 2 kleinen Kindern in einer kleinen Wohnung; trotzdem lebten wir dort 3 Monate. Meine Frau und ich hatten eigentlich nur einen Wunsch: wir wollten so schnell wie möglich nach Lateinamerika zurück. Ich bewarb mich auf eine Anzeige in der ZEIT; die Deutsche Schule in Puebla/Mexico suchte baldmöglichst einen deutschen Lehrer.
Das Gehalt klang großartig für unsere Verhältnisse und wahrhaftig: einige Wochen später erhielt ich ein Telegramm mit den Worten: „ Die Schule hat sich für Sie entschieden. Bitte melden Sie sich bei uns“. Wir waren überglücklich. Die restlichen Wochen bis zum Abflug arbeitete ich bei der Post am Hauptbahnhof, meistens nachts. Auch hier: ein Knochenjob, den ich aber gerne mache. Ein Abteilungsleiter der Post beobachtet aus seinem Büro mein Arbeiten an einem Waggon und ihm fällt auf, dass ich die Pakete alle nur mit der rechten Hand trage. Ich sage ihm, dass ich am linken Arm Polio hatte. Er will das Arbeitsverhältnis daraufhin eigentlich beenden (Wenn Ihnen was passiert, kriegen wir ‚ne menge Ärger“). Ich bitte ihn, weiterarbeiten zu dürfen. Er willigt schließlich ein, ich bin heilfroh und kann das Geld für unseren Rückflug zusammensparen.

Nächste Station: Puebla/Mexico. Ein wunderbares Klima mit strahlendblauem Himmel und dem Blick auf den schneebedeckten Vulkan Popocatepetl empfängt uns. Ich bin voller Enthusiasmus und freue mich auch meine Aufgaben. Schon bald aber kommen Spannungen zwischen mir und der Schulleitung auf. Das versprochene Gehalt wird bei weitem nicht so bezahlt, wie in der Anzeige angekündigt. Nach drei Monaten steht fest: so geht es nicht weiter. Die Schule versteckt sich hinter der Ausrede, dass sie für meine Frau keine Aufenthaltsgenehmigung erreichen könnte, da sie aus El Salvador kommt (ich besitze dagegen sowohl den salvadorianischen als auch den deutschen Pass). Unsere Zeit in Mexico ist schneller zu Ende, als wir gucken konnten. Wieder erfolgt eine Rückreise nach Deutschland. Die Tickets werden von der Schule bezahlt, was wir uns allerdings noch bei einem mexikanischen Gericht erstreiten müssen. Ich erinnere mich noch, wie ich dem Richter zum Schluss die Hand schüttelte und ihm dabei eine 20 Dollar-Note übergab. (Das kam mir vor wie in einem schlechten Film und dies hatte mir auch noch mein Anwalt geraten!!). Einen Tag später: Ankunft in Frankfurt mit PAN AM aus Mexico-City über Miami. Wir sind völlig erschöpft und setzen uns in der Ankunftshalle auf den Boden. Zwei Koffer mit Sommerklamotten.

Es ist kalt. November 1982. Ich bin 29 Jahre alt, meine Frau 23, sie spricht kein Wort Deutsch und erwartet unser erstes Kind. Wir haben keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Unser gesamtes Vermögen: 20 US-Dollar.

Ich rufe meinen Freund H. an. Er überweist mir telegrafisch 300 DM zum Flughafen. Aber auch das benötigt seine Zeit und wir sitzen (oder besser liegen) bis in den späten Nachmittag auf dem Boden in der Ankunftshalle. Mit dem Geld kaufen wir uns ein Ticket und fahren mit dem Zug in die Schweiz zu Paula, einer guten Freundin, die auch aus El Salvador geflohen ist und jetzt mit Mann und Kindern in der Schweiz lebt. Wir werden herzlich aufgenommen, bekommen erstmal was zu essen und schlafen dann fast 20 Stunden an einem Stück.

In der Schweiz konnten wir auf Dauer auch nicht bleiben, arbeiten erst recht nicht. Meine gesamten Papiere und Arbeitsunterlagen befanden sich noch im Haus meiner Eltern. Es führte kein Weg daran vorbei: ich musste noch einmal in dieses verhasste Haus, um alles zu erledigen. Der erste Tag verlief noch einigermaßen erträglich, aber bereits am nächsten Abend explodierte die Bombe: es war 23 Uhr und meine Mutter warf uns beide buchstäblich auf die Straße. Mit ihren Worten “Hau endlich ab, ich will dich hier nie mehr wiederstehen“, standen wir um Mitternacht mit unseren zwei Koffern und 300 DM Barguthaben (von unseren Schweizer Freunden) auf der Straße eines kleinen Dorfes. Ich ging zur Telefonzelle, bestellte ein Taxi und sagte dem Taxifahrer, er solle uns in ein Hotel zur nächsten Stadt fahren. Da dort bereits alle Hotels geschlossen waren, beschlossen wir, direkt nach Köln zu fahren. Die ersten 100 DM waren futsch. Wir stiegen am Bahnhof aus und gingen ins Commerz-Hotel, dass auch heute noch direkt hinter dem Hauptbahnhof liegt. Die Nacht kostete 90,- DM, und so waren die zweiten 100 DM futsch. Jetzt wurde es wirklich eng. Ich hatte nichts mehr, wirklich nichts mehr auf dieser Welt und so langsam wurde mir doch sehr mulmig. Ich schlief in dieser Nacht sehr unruhig.

Am nächsten Morgen rief ich meinen Onkel in Hamburg an. Er war der Einzige aus meinem Notizbuch, den ich noch nicht „angepumpt hatte“. Er war zum Glück zu hause. Ich erklärte ihm in knappen Worten meine missliche Lage; er verstand ziemlich schnell den Ernst der Situation und lud uns zu sich nach Hamburg ein. Wir kauften das „Rosarote – Wochenend-Ticket der Bahn“ für 99,- DM und fuhren nach Hamburg. Die letzten 100,- DM waren futsch. Jetzt hatten wir gar nichts mehr. Wir fühlten uns ausgebrannt und leer und während der gesamten Zugfahrt weinte meine Frau.

Ich hätte auch gerne geweint. Aber ich kann schon nicht mehr weinen, seit ich 15 Jahre alt bin.

Ein Sechser im Lotto.

„Hamburg“ war im Nachhinein so etwas wie 6 Richtige im Lotto. Mein Onkel versorgte uns mit den notwendigen Dingen des Alltags, wir hatten ja bis auf ein paar T-Shirts und Jeans so gut wie nichts. Dann kam die Frage: was kann ich beruflich machen, um so schnell wie möglich Geld zu verdienen? Unser Nachwuchs war für April angekündigt und jetzt war es Dezember 1982.

Die Chance als Lehrer eingestellt zu werden war, wenn überhaupt, kurzfristig nicht möglich. Mein Onkel war zu dieser Zeit Manager in einem pharmazeutischen Unternehmen in Hamburg. Sein Tipp: mach’ eine Ausbildung zum Geprüften Pharmareferenten in Bad Nauheim, (das wird sogar von den Firmen bezahlt), geh in den Außendienst und arbeite dann als Pharmareferent.
Ich sagte: „Was, ich soll als Vertreter arbeiten? Da bin ich ja lieber gleich tot.“
Eine Woche später saß ich in Bad Nauheim.

Ich werde den ersten Tag nie vergessen. Ich hatte mit meiner Frau ein kleines Ferien – Appartement gemietet, in dem wirklich ALLES drin war, von der Gabel bis zum Fernseher, ein Glück, selber hatten wir ja NICHTS. Am nächsten Morgen ging ich zur Ausbildungsstätte für Pharmareferenten. Die Sekretärin wusste schon Bescheid und sagte: Sie bekommen hier 2.500 DM im Monat von der Firma X. Ich hab aber nur 1.000 DM im Moment hier. Passt es Ihnen, wenn ich Ihnen den Rest morgen gebe? Ich konnte es nicht fassen: 1.000 DM, – soviel Geld hatte ich seit Monaten nicht mehr besessen. Am Abend kauften wir Schuhe, Pullover, Wein, Zigaretten, gingen zum Jugoslawen essen und fühlten uns wie Gott in Frankreich. Wir waren REICH! Wir waren glücklich!

Nach 6-monatiger Ausbildung (zwischendurch wurde unser erster Sohn geboren) wies mir meine Firma ein Gebiet in Essen zu. Ich bekam einen Firmenwagen und wir siedelten um ins Ruhrgebiet, wo wir die nächsten drei Jahre leben sollten. Die Arbeit als Pharmareferent war grausam, aber mir war das (fast) egal, – ich hatte endlich wieder einen Job und konnte meine kleine Familie ernähren.1985 wurde unsere Tochter geboren. Ich machte nebenberuflich eine Ausbildung im Bereich Marketing, bewarb mich eifrig und bekam 1986 eine sehr gute Position als Regionaler Verkaufsleiter bei einem großen Unternehmen für Medizintechnik in M.

Kurz bevor ich jedoch zu dieser Firma wechselte und natürlich auch mit der Familie in diese Stadt zog, kam ich in die Uni-Klinik-Essen wegen unerklärlicher Schmerzen am rechten Arm und einem zunehmendem Schwächegefühl in meinem ansonsten so starken Arm (der rechte Arm war sozusagen mein Lieblingsarm). Man machte eine Liquor -Untersuchung (Ergebnis= seltsam, seltsam, man kann den Polio-Virus noch feststellen, aber sonst??.) Der Begriff PPS fiel (noch) nicht. Ich wurde nach 1 Woche wieder entlassen, da keiner so richtig was mit mir anzufangen wusste. Auf meine Aussage, ich hätte den Kraftverlust daran bemerkt, dass ich meine Kinder nicht mehr richtig hochheben kann, bekam ich die Antwort des Neurologen: „Na, dann sind Ihre Kinder eben schwerer geworden.“

In den nächsten vier Jahren machte ich beruflich viele Auslandsreisen, darunter auch ganz exotische Länder: Sambia, Tansania, Simbabwe z.B,. um nur einige zu nennen. Ich lernte die Welt des Upper-Managements kennen, eine zerbrechliche Scheinwelt, nur gestützt auf die Eckpfeiler der goldenen American – Express-Karte. Trotzdem liebte ich meine Arbeit, – sie war abwechslungsreich, international, spannend und herausfordernd.

Ich merkte auf einmal, dass ich mehr konnte, als „nur“ Lehrer zu sein. Zahlen interessierten mich, ich machte gerne Präsentationen und es machte mir auf einmal Spaß vor vielen Leuten zu reden. Meine Ängste schienen wie weggeblasen. Nur die Angst vor dem Tanzen blieb und wurde immer stärker. Jede berufliche Veranstaltung, die abends mit einem „geselligen Abend“ endete, war für mich ein Grauen. Dies hat sich bis heute nicht geändert.

1988 kam ich wieder ins Krankenhaus: Taubheitsgefühl an den Zehen. Ergebnis. Unklar, nichts Konkretes.

1990 bekam ich ein Angebot einer anderen Firma, die mich für einen besseren Job haben wollte. Ich sagte zu und wir siedelten um nach Freiburg.
Dieser neue Job war phantastisch: ich war verantwortlich für eine eigene Abteilung, hatte 10 Mitarbeiter, wesentlich mehr Geld, einen 5-er BMW-Firmenwagen, mehr Verantwortung, häufige Reisen in die USA, – aber in dieser Zeit begannen auch die gesundheitlichen Probleme.

Ich hatte unerträgliche Schmerzen im rechten Arm und konnte meinen Kopf nicht drehen, ohne dass meine rechte Hand „einschlief“. Die Aussagen der Ärzte waren nicht einheitlich, – einer meinte dies, der andere das- und dieses Wirrwarr der Mediziner überkreuzte sich mit der gleichzeitig eingetroffen Hiobsbotschaft, dass meine Abteilung Anfang des nächsten Jahres zum Hauptsitz nach Erlangen verlegt würde. Im Juli 1992 wurde unser jüngster Sohn geboren, wenige Monate später zogen wir um, diesmal von Freiburg nach Erlangen.

Das nächste Jahr 1993 kann ich getrost als „anno horribile“ bezeichnen, obwohl alles so gut anfing. Beruflich saß ich noch fest im Sattel, der Umzug hatte beruflich und privat gut geklappt. Die beiden „großen“ Kinder hatten sich gut in der neuen Schule eingelebt, wir hatten ein nettes Häuschen gemietet und unsere stürmische Welt schien für einen Augenblick auf „Ruhe“ zu schalten.
Aber es war die Ruhe vor dem Sturm.

Bereits vor einigen Wochen hatten Freunde uns darauf aufmerksam gemacht, dass unser jüngster Sohn schielte. Er war gerade mal 1 Jahr alt und meine Frau war heute mit ihm beim Augenarzt, als dieser Anruf in mein Büro kam:
„Unser Sohn hat einen Tumor am Auge.“

Diese Nachricht war wie ein Donnerschlag und übertraf alles, was ich bisher in meinem Leben erlebt hatte. Ich setzte mich noch eine Weile still in mein Büro, sagte alle Termine ab und fuhr dann nach Hause. Ich sah meinen Sohn an und wusste, er könnte sterben.

Für den nächsten Tag hatten wir einen Termin in der Augenklinik der Uni Erlangen. Trotz überfülltem Wartezimmer der Ambulanz kamen wir sofort an die Reihe. Besorgte Blicke der Ärzte, hektische Handlungen der Schwestern, Röntgen, CT, Blutabnahme, wieder werfen sich die Ärzte besorgte Blicke zu und dann das Ergebnis: Retinoblastom, bösartiger Tumor. Das Auge muss sofort raus!

Wir sollen, müssen uns entscheiden und unsere Zustimmung zur Operation geben. Aber wie können wir so etwas beurteilen? Was ist, wenn es vielleicht doch noch therapierbar ist? Was ist mit Laser? Welche Klinik ist hier federführend in Deutschland? Vielleicht können die etwas machen? Vielleicht muss das Auge gar nicht raus? Und wenn wir die falsche Entscheidung treffen?

Federführend in Deutschland für Retinoblastom ist die Uniklinik Essen. Man telefoniert dorthin, schickt Bilder rüber, tauscht Meinungen aus, wägt ab. Das Ergebnis bleibt gleich: das Auge muss raus. Sofort.

Der Tumor ist absolut aggressiv und bösartig. Er entsteht am Sehnerv, wächst dann sehr rasch und bildet Metastasen im Gehirn. Dann ist das Kind nicht mehr zu retten. Nach Aussagen des Professors, den man extra für diese OP holt, hat der Tumor bereits die Größe eines 5-Mark Stücks. „Er ist sehr groß. Wir dürfen keine Zeit verlieren. Bitte zögern Sie nicht mit Ihrer Zustimmung.“

Wir unterschreiben die Zustimmung zur OP, es kommt mir vor, als müsste ich mein eigenes Todesurteil unterschreiben. Unser Sohn lächelt uns an, er wird von den Schwestern mitgenommen und für die Operation vorbereitet. Ich setze mich hin und warte und weine. Seit 25 Jahren weine ich zum ersten Mal wieder. Ich fühle mich wie in einem Film, der plötzlich langsamer läuft. Der Ton ist verzerrt. Alles um mich herum wird irreal. Die Menschen bewegen sich ruckartig. Ihre Sprache kann ich nicht verstehen.

Ich denke zurück an mein eigenes Leben, an meine eigene Gesundheit. Und alles kommt mir plötzlich so unwichtig vor, so banal. Alles was ich bis jetzt erlebt habe:
El Salvador, die Kinderlähmung, meine grausame Kindheit, die vielen Schläge. Das alles erscheint mir völlig bedeutungslos im Anblick des möglichen Todes meines Kindes. Wenn ich könnte, würde ich sofort mein eigenes Leben für meinen Sohn geben. Aber es geht nicht.

Jetzt kann ich nur noch hier sitzen und beten und warten bis die Tür vom OP aufgeht.

Er wird mich nicht unterkriegen.

Das Warten wurde unerträglich. Heute war Freitag und im Fernseher im Wartezimmer des Krankenhauses zeigten sie eine Wiederholung des Films „Der Bastian“. Das letzte Mal hatte ich ihn 1973 gesehen, jetzt hatten wir August 1993. 20 Jahre waren vergangen. Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Ich hatte diesen Film immer gerne gesehen und immer auf eine Wiederholung gewartet. Jetzt war sie da, aber ich konnte mich nicht auf den Film konzentrieren. Immer wenn eine Tür aufging, sprang ich auf, aber meist war es nur irgendein Pfleger oder Techniker. Endlich kam der Professor. Ich sah in schon von weitem und versuchte an seinem Gesichtsausdruck zu erkennen, ob er eine gute oder schlechte Nachricht für mich hatte.

„Die OP ist wie geplant verlaufen. Wir haben das Auge entfernt. Jetzt müssen wir noch das histologische Ergebnis abwarten.“
„Und was bedeutet das?“
„Wir müssen eine Gewebeprobe machen, ob der Tumor bereits über den Sehnerv bis zum Gehirn gewachsen ist.“
„Und wenn es so ist. Was ist dann?“
„Dann sieht es nicht gut aus. Rufen Sie mich am Montag an. Dann wissen wir mehr.“

Ich fuhr nach Hause. 3 Tage der Ungewissheit lagen vor mir. Immer und immer wieder jagten diese Gedanken durch meinen Kopf. Er wird sterben, er wird überleben, er wird sterben, er wird überleben. Immer wenn ich dachte: er wird überleben, kam dieser böse Gedanke: er wird sterben, er wird sterben. Dann dachte ich mir, nein, er wird überleben und ein wohliges Gefühl breitete sich in meiner Magengegend aus. Aber das dauerte nur ein paar Sekunden und schon kam wieder dieses: er wird sterben. Warum hat der Professor nichts gesagt, warum hat er mir keine Hoffnung gemacht? Wahrscheinlich wusste er schon, dass das Ergebnis negativ ist, und er wollte mir nicht das Wochenende versauen.

Montag morgen, 8 Uhr. Ich rufe in der Klinik an und kann dabei vor Aufregung kaum sprechen.
„Der Professor ist in dieser Woche nicht im Haus.“ Ich konnte es nicht fassen, rase mit dem Wagen in die Klinik, stehe kurz darauf in der Station und packe mir den nächst besten Arzt: „Sagen Sie mir sofort das Ergebnis von meinem Sohn!“
„Warum wollen Sie das wissen?“
„Weil mein Sohn vielleicht streben wird.“ Ich hatte Tränen in den Augen.
Er ging zum Telefon, wählte eine Nummer, sprach irgendwas, sah mich an und sagte: „Alles in Ordnung.“

Die nächsten Tage und Wochen waren gefüllt mit Terminen bei Fachärzten und Krebsspezialisten, wir mussten ein künstliches Auge anfertigen lassen und hatten die immer wieder kehrenden Frage: wie sind seine Zukunftsaussichten? Wie lange wird er überleben? Wird der Krebs wiederkommen? Der Augenarzt meinte, er hätte gute Chancen, aber es bestände ein hohes Risiko, dass der Tumor wieder auftaucht. 2 von 3 Kindern mit Retinoblastom sterben innerhalb der ersten 5 Jahre. Auch nach einer Entfernung des Auges. Der Tumor ist hinterlistig und stark.

Anfangs wurde er wöchentlich untersucht, dann monatlich, zum Schluss nur noch jährlich. Um es vorweg zu nehmen: Mein Sohn ist jetzt 15 Jahre und hat sich zu einem gesunden Jungen entwickelt. Eine akute Gefahr für ihn besteht nicht mehr.

Die Zeit damals war grausam. Nach all den Aufregungen und Sorgen war ich erschöpft und ausgebrannt. Bald darauf taten mir plötzlich alle Glieder weh, und ich ging an diesem Abend bereits um 21 Uhr ins Bett, so müde war ich. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, konnte ich meinen rechten Arm nicht mehr heben. Er war wie gelähmt. Ich ließ mich ins Krankenhaus fahren und kam wieder mal in die Maschinerie gemischt aus dem Fach-Arzt und dem „Ich-weiß-eigentlich-gar nichts-Arzt.“

Dutzende Untersuchungen, die schon 100 – mal davor an mir gemacht wurden, wurden durchgeführt. Diagnose: es war eine Mischung zwischen einer Abklemmung der Arm – Nerven an der Halswirbelsäule und der Post Polio. „Post Polio“, das hörte ich jetzt zum ersten Mal, und es klang nicht besonders beruhigend. Innerhalb der nächsten Jahre wurde ich dreimal an der HWS operiert, erst die letzte OP bewirkte eine leichte Besserung der Symptomatik.

Nun, dachte ich mir, jetzt ist auch dein Lieblingsarm im Eimer, schöne Bescherung. Dieser Arm, der mir so viel bedeutet hatte und auf den ich so stolz war, funktionierte nun nicht mehr richtig. Trotzdem behalf ich mir im täglichen Leben so gut es ging. Viele Dinge konnte ich jetzt nicht mehr machen oder nur noch mit Mühe, z.B. die Schuhe zubinden oder am Tisch sitzen und mit jemanden „anstoßen“. Ich konnte den Arm einfach nicht mehr in diese Position bringen. So vermied ich es, mit jemandem am Tisch anzustoßen und kaufte mir Schuhe mit Klettverschluss. Keiner bemerkte meine Veränderung.

Als nächstes merkte ich, dass mein rechtes Bein nicht mehr so wollte, wie ich es wollte. Irgendwie zog ich das Bein beim Gehen nach, es wirkte so kraftlos. Nachdem ich mehrere Male gestolpert war, ging ich wieder in ein Krankenhaus zu einem bekannten Professor der Neurologie. Ich sagte: „Hören Sie Herr Professor, ich weiß dass ich Post Polio habe und jetzt wird auch mein rechtes Bein immer schwächer. Ich bin hundertfach untersucht worden, tausende von Nadeln steckten in meinem Körper und haben alles gemessen: Nerven, Muskeln, alles. Bitte sagen Sie mir nur Ihre Meinung: Was passiert mit mir?“

Er musterte mich kurz, ließ mich zweimal auf – und abgehen, fasste mein Bein an und schickte mich dann in den Keller der Klinik. EMG, Nervenleitgschwindigkeitsmessung etc. Das volle Programm. Mit den Ergebnissen ging ich Stunden später wieder zu diesem Professor. Er begutachtete die Zahlen und Kurven und sagte dann nach einer Pause:
Sie haben Post Polio. Ich sagte nichts mehr.

Die Symptome wurden mal stärker, mal schwächer. Manchmal hatte ich den Eindruck, ich würde mir das alles nur einbilden und die Lähmungen wären sozusagen stimmungsabhängig. Gute Laune= starkes Bein, schlechte Laune = Post Polio Bein.

Beruflich ging es gut, bis zu dem Tag, als ich am Schwarzen Brett unserer Firma las, dass meine Abteilung verkauft werden sollte. Zum Jahresende 1994 wurde meine Abteilung verkauft. Für mich war das Ende meiner geliebten Position, aber bereits wenige Monate später fand ich eine neue, fast gleichwertige Stelle bei einem anderen Unternehmen in Köln. Wir zogen um, die Laune aller Familienmitglieder war jetzt nicht mehr so gut wie beim letzten Umzug.

Meine Arbeit machte mir wieder Spaß, ich war recht erfolgreich und vergaß zwischendurch an manchen Tagen meine PPS. Bis zu dem Tag an dem ich mit meinem jüngsten Sohn einen Fahrradausflug machte. Ich wollte bremsen und flog dabei im vollen Boden über den Lenker. Es war mir unbegreiflich. Was war geschehen? Wenige hundert Meter wieder das gleiche: ich konnte mich mit der Schulter nicht mehr abstützen. Meine ganze Schultermuskulatur war wie aus „Gummi“. Ich schob das Fahrrad nach hause und hab es seitdem nie mehr angerührt. Ich wusste was los war, aber ich ersparte mir den erneuten Gang zum Professor.

Mein Gangbild wurde unruhig und unsicher. Ich stolperte jetzt öfters, wobei ich mich jedes Mal voll „auf die Fresse“ legte. Meine Beine gehorchten mir nicht mehr. Eines Tages merkte ich, dass mein rechtes Sprunggelenk nicht mehr funktioniert. Jetzt kann ich nur noch gehen, nicht mehr laufen. Toll, sagte ich mir. was kommt denn als nächstes? Viele Dinge machten mir jetzt Probleme. Das Waschen des eigenen Körpers, das Duschen. Ich habe immer Angst in der Wanne hinzuknallen.

Die Jahre in der Firma vergingen. Wenn es auch gesundheitlich bergab ging, so schien ich wenigsten beruflich erfolgreich zu sein. Bis zum Jahr 1999. In diesem Jahr wurde meine Firma an einen amerikanischen Konzern verkauft und das gesamte Management von heute auf morgen entlassen. Ich war müde von diesen ewigen Firmenaufkäufen. Es lohnt ich nicht über das Für und Wider zu philosophieren. Das ist unser Zeitgeist.

Ich brauchte jetzt wieder einen Job. Ein Umzug mit der Familie war undiskutabel, keiner war mehr bereit, noch mal den Wohnort zu verändern, mit dem Risiko, in wenigen Jahren wieder auf der Straße zu sitzen.

Ich fand bald darauf eine Position als Verkaufsleiter einer kleinen Firma, nur 60 km von zu hause. Das könnte klappen.60 km konnte man bequem morgens und abends mit dem Wagen fahren. Es war zwar nicht mein Traumjob, aber ich dachte mir: besser als nichts.

Mein „Glück“ sollte nicht lange Dauer.
Bereits anderthalb Jahre später wurde diese Firma aufgekauft und wieder waren alle Manager-Posten weg. Ich hatte jetzt keine Lust mehr. Ich wollte jetzt einfach nicht mehr.
Ich hatte keine Lust mehr auf dieses verdammte Management, in dem man nichts weiter war, als eine kleine, unbedeutende Zahl.
Meine Ehe war kaputt. Es schien alles zu Ende. Ich war da, wo ich vor 20 Jahren angefangen hatte: bei Null.

Mit meinen 50 Jahren war ich für die Wirtschaft mittlerweile auch zu alt. Einen lukrativen Job würde ich nicht mehr finden. Außerdem lebte ich jetzt mit drei Kindern alleine. Meine Frau hat alles stehen und liegen gelassen und war zu ihrem Freund gezogen. Wie sollte ich da einen Job annehmen mit tagelangen Dienstreisen?
Mein Gesundheitszustand wurde schlechter und ich machte zum ersten Mal im Leben eine Kur. Hier hatte ich Zeit zu überlegen und meine Gedanken zu ordnen,
Ich fühlte mich krank und hatte keinen Job. Wer würde mich unter diesen Bedingungen schon einstellen? Niemals würde ich mit dieser Familienkonstellation einen guten Job finden. Kein Arbeitgeber würde mich in eine Führungsposition einstellen, wenn er sieht, wie „dämlich“ ich mich anstelle, wenn ich mir meinen Mantel anziehen will.

Ich hatte nur noch eine einzige Chance: Den einzigen Joker, den ich noch in der Tasche hatte, war mein altes Lehrerexamen von 1980. Dieser verhasste Lehrerjob könnte vielleicht für mich die Rettung bedeuten. Ich ging ins Internet, klickte mich durch die Seiten für Lehrer, füllte die Formulare aus und bekam einige Wochen später den entscheidenden Anruf:
„Sie haben eine Stelle zum August 2003.“

Seitdem hat sich mein Leben wieder etwas beruhigt. Die großen Kinder studieren beide Jura, der jüngste lebt bei mir und ist im 9. Schuljahr Gymnasium (eine echte Männerwirtschaft also, – außerdem ist er meine private „Krankenschwester“- er kämmt mich immer).

Ich bin geschieden und arbeite als Lehrer im öffentlichen Dienst, wo Schwerbehinderung Gott sei Dank kein Makel ist, sonder sogar eine gewisse Schutzbedürftigkeit beinhaltet. Ich arbeite gerne als Lehrer (nicht immer, aber immer öfter).
Gesundheitlich geht es mir wie oben beschrieben: „Gute-Laune-abhängig“ – obwohl eigentlich jeden Monat eine neue Kleinigkeit dazu kommt.

So ist mein Leben. Nachdem ich das alles hier aufgeschrieben habe, muss ich folgende Anmerkungen machen:

1. Ist alles wahr, was ich geschrieben habe? Antwort: ja, alles.

2. Habe ich alles aufgeschrieben, was passiert ist? Antwort: nein, vieles ist zu privat. Es wäre sonst auch noch „schlimmer“ geworden, da ich viele negative und böse Dinge bewusst weggelassen habe.

3. Wie geht es weiter? Manchmal denke ich, in meinem Kopf wohnt ein hässlicher kleiner Zwerg, der mich beobachtet und immer, wenn es mir gut geht, sich wieder irgendeine „Schweinerei „ einfallen lässt, um mir dann alles zu versauen. Ich bin mir sicher, während ich das hier schreibe, hat er bereits einen neuen gemeinen Plan. Aber soll er ruhig.

Er wird mich nicht unterkriegen.

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3 Kommentare

  1. Der Bericht hat mich tief beeindruckt- Respekt.

  2. Eine sehr interessante aber auch mitunter traurige Geschichte. Vor allen Dingen fand ich sehr schlimm, wie Eltern so mit einem Kind umgehen konnten. Dann das große Problem mit dem jüngsten Sohn, das durch Krebs ein Auge verlor und die Frau, die die ganze Familie verließ. Aber es zeigt sich wieder, dass sich ein Polio nicht unterkriegen lässt. Ich hoffe, dass Dein Leben jetzt in ruhigeren Bahnen verläuft, auch wenn das PPS immer wieder neu zuschlägt.

  3. Lieber Zeitgenosse, ich bin 1952 geboren und 1956 an Polio erkrankt, deshalb hat mich Ihre Geschichte interessiert und berühert. Ich finde es großartig, das Sie all das aus Ihrem Leben aufgeschrieben haben. Das zeugt von Mut, Kraft, Energie und es hilft, das eigene Leben besser zu verstehen und ähnliches.
    Gerade hat ein NEUES JAHR begonnen, deshalb wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen viele positive Momente, die Ihr Leben bereichern, das rechte Maß beim Einteilen der körperlichen und emotionalen Kräfte, das wird mit zunehmendem Alter immer wesentlicher und gutes Gelingen für alles was das Jahr 2016 für Sie bereit hält. Möge es gut gelingen!
    Frohen Gruss schickt Pfiffi-Kuss-Inge

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