Der Mann aus Mogadischu – eine Asylantenkarriere – von Lothar Epe

Mit zwei Jahren erkrankt der 1960 in Somalia geborene Gamy Jimael Ali an Kinderlähmung. Später flieht er vor dem Kriegsgetümmel in Mogadischu nach Europa und strandet in Deutschland. Und obwohl er das Schlimmste schon hinter sich zu haben glaubt, hat er noch einen langen und steinigen Weg vor sich.

Der Mann aus Mogadischu: Gamy Jimail Ali. Foto (c) Lothar Epe

Neulich im Cafe“Miteinander

Treffen der örtlichen Poliogruppe der „Euregionalen Initiative für Kinderlähmungsfolgen Aachen e. V.“ (Eika e. V.) in Aachen. Ali ist in Hochform. Mit entrücktem Gesichtsausruck und einer leicht heruntergerutschten Brille lässt er seiner angestauten Energie freien Lauf und fliegt mit seinen poliogeschädigten Händen über die Trommeln, als hätten diese Werkzeuge Gottes ein Leben lang nichts anderes gemacht, als über Trommeln zu fliegen. Doch die Spätfolgen der Poliomyelitis schränken den Kunsttherapeuten zunehmend ein.

Alltag in Somalia

Mogadischu 1991. Der militärische Konflikt während des nie enden wollenden somalischen Bürgerkrieges ist in vollem Gang.Clans und Milizen schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein. Umliegende Länder und die internationale Gemeinschaft mischen sich ein, tragen aber auch nicht  zur Lösung des Konflikts bei. Eine solche Entwicklung hatte sich schon Jahre zuvor abgezeichnet. Mit dem wachsenden Widerstand der Bevölkerung gegen den Diktator Siad Barre. Das Chaos erreicht seinen Höhepunkt, als Barre 1991 gestürzt wird. Danach bleibt kein Stein mehr auf dem anderen. Plünderungen und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Gamy Jimail Ali sieht nur einen Ausweg: Die Flucht nach Europa.

Mit Lehm und schwarzem Sand gegen Kinderlähmung

Mogadischu 1962. Ali erkrankt an Poliomyelitis. An die akute Phase der Poliomyelitis (Kinderlähmung) erinnert sich Ali nicht. „Zu dieser Zeit habe ich weder meine Erkrankung noch den Tod meiner Mutter wahr genommen“, so der gebürtige Somalier. Nach dem frühen Tod seiner Mutter kümmert sich eine Tante um den Jungen. Eine Naturheilerin. „Von ihr bin ich nach den Regeln der traditionellen Somalischen Medizin behandelt worden. Mit Lehm, schwarzem Sand, Weihrauch-Öl, diversen Pflanzen, Kräutern und Wurzeln „, so der heutige Kunsttherapeut. Zusätzlich sei er von einer Kinderärztin aus dem benachbarten Krankenhaus regelmäßig mit Traditioneller Chinesischer Medizin behandelt worden. Diese Kombination habe maßgeblich zu seiner gesundheitlichen Wiederherstellung geführt, ist Ali überzeugt.

„Der Messerwurf war meine Rettung“

Ein paar Jahre später die Loslösung vom Vater. Ali hat sie erzwungen. „Mein Vater hat mich oft geschlagen“, so der Künstler. Mit neun Jahren ist der Hass auf den gewalttätigen Vater so groß, dass Ali ihm ein Messer hinterher wirft. Aus Angst vor weiteren Attacken steckt der Vater seinen Sohn in ein Internat. „Das war meine Rettung“, ist sich der Poliobetroffene sicher. Im Internat verbringt er seine komplette Schulzeit. Bis 1972 ist Ali Grundschüler. Die Mittelschule schließt er 1976 ab, um 1980 auf der Secondary School das Abitur zu machen. Anschließend absolviert der heute 53jährige als sogenannter Ausgewählter eine Ausbildung beim Zoll, wo es auch in Somalia um Import und Export geht, aber nicht nach internationalen Regeln. „Dort wurde gemauschelt, dass sich die Balken bogen. Daran hat sich bis heute nichts geändert.“, so Ali. Nach wie vor ist Somalia Spitzenreiter, wenn es um die Frage geht, welche Länder am stärksten von Korruption betroffen sind.

Irgendwie, irgendwo und nicht erst irgendwann

„Während dieser Zeit erwachte auch mein Interesse für die Kunst“, erzählt der heutige Kunsttherapeut.. „Und an einer Jugendliebe“, sagt er verschmitzt. Sein Interesse an dieser Jugendliebe ist  so groß, dass Ali sie schwängert. „Das war ein echtes Problem. Nicht das schwängern selbst“, lacht er. Aber nach den Regeln und der Tradition seines Familienclans sei es verboten gewesen, vor der Hochzeit Sex zu haben. Um diese“ unangenehmen Begleiterscheinungen“ einer Schwangerschaft zu vermeiden, bleibt ihm nichts, als zu heiraten. Irgendwie, irgendwo und möglichst sofort. Der gebürtige Somalier lernt früh, Verantwortung zu übernehmen. Nachdem auch sein Vater stirbt, wird Ali mit 22 Jahren als das älteste von vier Geschwistern zum Familienoberhaupt. Er ist jetzt auch für die Versorgung seiner jüngeren Geschwister zuständig. „Das war schwer“, so Ali. Er habe nach dem Tod des Vaters ein Haus geerbt und insofern in Somalia keine materielle Not gelitten, aber die Verantwortung sei immens gewesen.

Ein langer und steiniger Weg

Das Haus baut er um und verwendet einen Teil als Atelier. „Hier habe ich Skulpturen aus den verschiedensten Materialien angefertigt und sie ausgestellt“, so der Künstler. Der berufliche Schwerpunkt verschiebt sich. Weg vom Zoll und hin zur Kunst. Aber Ali ist auch kein Kind von Traurigkeit. Deshalb nutzt er das Atelier für zahlreiche Feste, die er für sich und seine Freunde veranstaltet.

„Dann kamen die Kinder. Erst ein Sohn, dann noch einer“. Ali’s Leben verändert sich. Es kommt zu Spannungen mit seiner Frau. Meistens geht es um Geld. Bis 1984. Dann kann er seine beruflichen Aktivitäten erweitern , was zu mehr finanzieller Sicherheit führt. „Die Spannungen wurden dadurch ein wenig abgefedert“, so der Poliobetroffene. Doch schon ab 1988 ändert sich seine persönliche Situation radikal. Es kommt zu Unruhen in Somalia. Durch politischen Veränderungen, die in einen Bürgerkrieg münden, der bis heute anhält. Ali: „Schon ab 1989 wurden die Zustände durch eine Rebellion in der Bevölkerung chaotisch“. Als Folge der politischen Unruhen wird 1991 die Regierung unter Siad Barre gestürzt.

Raketenangriff zerstört komplette Familie

Es kommt zur persönlichen Katastrophe. Während der Unruhen zerstört eine Rakete sein Haus. Seine Kinder, seine Frau, Verwandte, Freunde und Nachbarn kommen ums Leben. Ali steht mit gerade mal dreißig Jahren im wahrsten Sinne des Wortes vor dem Trümmerhaufen seiner Existenz. Da ist er gerade auf der Arbeit. „Ich kann gar nicht ausdrücken, was ich empfunden habe, als ich hörte, dass meine komplette Familie und all die Verwandten und Freunde bei diesem Raketenangriff getötet wurden“.

In der Konsequenz beschließt der heute 53jährige 1992, das Land zu verlassen. Er will nach England. Weil ihn dort das Paradies erwartet, ist sich Ali damals sicher. Warum, weiß der gebürtige Somalier nicht so genau. „Das war nur so ein starkes Gefühl“, sagt er.

Das ganze Asylantenprogramm

„Ich traf mich in Nairobi mit einem Kunden. Der hat mir geholfen. das Land mit einem italienischen Handelsschiff Richtung Neapel zu verlassen“. In Italien hält sich Ali eineinhalb Jahre auf. Illegal natürlich. Bis er Ende 1993 versucht, über die Schweiz und Deutschland nach England auszureisen. Er wird aber in Deutschland wegen ungültiger Papiere und fehlender Aufenthaltsgenehmigung festgehalten.Irgendwann bekommt er gültige Papiere, weil er als politischer Flüchtling anerkannt wird. Ali wird in einem Asylantenheim in Düren untergebracht und bleibt in Deutschland hängen. Wenig später landet er in einem Heim in Aachen.

Es ist jetzt 1995 und Ali beginnt, sich in verschiedenen Künstlerkreisen herum zu treiben. Hier wird man auf seine Talente aufmerksam. Ali spielt Bongo und andere Perkussionsinstrumente in verschiedenen Bands in und um Aachen herum. Und die Liebe zur Malerei öffnet ihm weitere Türen. Sein Freundeskreis vergrößert sich. Er bekommt Zugang zur „Werkstatt Outsider Art e. V.“ und wird dort von 1998 bis 2000 künstlerischer Leiter. Doch der gefragte Trommler weiß, wenn er die deutsche Sprache nicht lernt, ist alles nichts. Also besucht er einen Sprachkurs für Deutsch bei der TÜV Akademie, den er 2002 mit einer Prüfung erfolgreich abschließt. Gamy Jimael Ali: „Ab 2003 war ich Kreativtrainer bei der Lebenshilfe e. V. in Aachen“ Seit 2004 arbeitet der Kunstdozent vorwiegend als freischaffender Künstler, Kunstdozent und Kunsttherapeut. In seinen Kursen geht es um freies Malen, Action-Painting, freies Trommeln und andere künstlerische Aktionen. Hier arbeitet er oft und gerne auch mit benachteiligten Jugendlichen und Polio-Betroffenen.

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Gamy

Gamy Jimael Ali beim Trommelkurs in der Aachener Poliogruppe (Foto: Lothar Epe)

Heute wird unter der Leitung von Gamy Jimael Ali getrommelt, was die Bongos hergeben. Und der Pinsel wird geschwungen. Gegen das Post-Polio-Syndrom. Gamy Jimael Ali: „Durch das Trommeln erfahren die geschädigten Nervenenden unserer Muskeln wegen der entstehenden Vibrationen positive Signale“. Das spüre der Betroffene im ganzen Körper. Die Muskulatur wird gelockert und entspannt“. Aber auch beim Malen könne Erstaunliches festgestellt werden. „Die entstehenden Bilder lassen uns tief in unsere geschundene Polioseele blicken“, so der Kunsttherapeut. Die Malerei bringe uns zuletzt auch körperliche und mentale Entspannung. Man könne sich dabei intensiv mit seinem Selbstbild auseinander setzen.

„Wenn Ali in die Poliogruppe kommt, geht die Sonne auf“

Ali, wie ihn seine Freunde nennen, ist ein offener und fröhlicher Mensch. Das mag den verwundern, der seine Geschichte kennt. „Wenn Ali in die Poliogruppe kommt, geht die Sonne auf“, sagt Bärbel Fischer, die amtierende Vorsitzende der „Euregionalen Initiative für Kinderlähmungsfolgen Aachen e. V. (Eika e. V.)“ über den Kunsttherapeuten und Musiker. Sie muss es wissen, denn seit ein paar Jahren ist Ali auch in der Poliogruppe Aachen aktiv. Er nimmt an den monatlichen Treffen teil und unterrichtet vom Post-Polio-Syndrom Betroffene in Trommeln und Malen. „Er ist einer von uns“, sagt die Vorsitzende.

Post-Polio-Syndrom als Folgeerkrankung der Kinderlähmung

Das in der Öffentlichkeit weitestgehend unbekannte Post-Polio-Syndrom ist eine eigenständige neurologische Zweiterkrankung als direkte Folge einer durchgemachten Kinderlähmung (Poliomyelitis). Sie macht sich oft erst dreißig bis vierzig Jahre nach der Kinderlähmung bemerkbar. Dies führt unter anderem zu neuen Lähmungen. Auch dort, wo vorher keine Einschränkungen zu spüren waren. Bärbel Fischer: „Dann kann es Dich treffen wie ein Keulenschlag. Du hast das Gefühl, du machst den ganzen Mist noch mal durch, nachdem Du vorher einigermaßen wieder hergestellt warst“ Deshalb spreche man in diesem Zusammenhang auch schon mal von einer „zweiten Kinderlähmung“, so die Vorsitzende der Eika e. V. Allerdings seien die Krankheitsverläufe sehr unterschiedlich.“Vielleicht ist Ali als Kreativtrainer und Kunsttherapeut gerade deshalb für uns genau der richtige Mann an der richtigen Stelle“, ergänzt das Vorstandsmitglied Manfred Zimmermann.

„Ich habe noch viel vor“

Ich frage Ali, wie lange er das alles wohl noch hinbekommt. Er weiß es nicht. Schließlich wisse niemand so genau, wie sich das Leben weiter entwickelt. Aber auch an dem Kunsttherapeuten nagt der Zahn der Zeit. Möglicherweise viel stärker als ihm lieb sein kann. Auch deshalb, weil der natürliche Alterungsprozess durch die Spätfolgen der durchgemachten Poliomyelitis vielleicht noch beschleunigt wird. Aber auch das weiß niemand so genau. Die Erkrankung ist noch ziemlich unerforscht. Mogadischu hat Ali jedenfalls weit hinter sich gelassen. Nur manchmal holt es ihn ein. Dann nämlich, wenn ihn seine Albträume plagen.

Das Post-Polio-Syndrom trifft ihn jedenfalls erbarmungslos. Und in seiner Tätigkeit als selbständiger Therapeut und Künstler ist auch längst nicht immer alles saftig, was grün aussieht. Das ficht den Therapeuten aber nicht an. „Ich habe noch viel vor“, raunt Ali, und es klingt ein bisschen trotzig, wenn er das sagt. Dann gibt sich der gebürtige Somalier bescheidener: „Würde ich heute sterben, hätte ich ein erfülltes Leben hinter mir, das mir viel geschenkt hat“. Ali wirkt nachdenklich, als er das sagt und macht eine kurze Denkpause. Dann fliegen „Gottes Werkzeuge“ wieder über die Bongos.

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2 Kommentare

  1. Mit großem Interesse und tiefer Anteilnahme habe ich diesen Artikel gelesen.
    Mir persönlich ist es wichtig, Menschliche Lebenswege aus unterschiedlichen Ländern
    zu erfahren …. das rückt manches in ein anderes Licht.
    Ali in unserer Gruppe, das wäre ein großartiger Gewinn …. schade das Aachen soweit weg ist …. ich wäre gerne Gruppenmitglied. 🙂
    Frohe Grüsse aus der Eifel
    Pfiffi-Kuss Inge

  2. Lothar sagt am 02.06.2015 um 12:47:

    Danke für Dein positives Statement!

    LG Lothar (Admin)

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