Das neue Buch von Helmut Gotschy: „Storch und andere Geschichten“ – Eine Buchbesprechung von Lothar Epe

„Papaya mit Rosinen“ war ein fulminanter Erstlingsroman. Nun wissen wir, dass Helmut Gotschy auch Kurzgeschichten kann!

Nachdem Helmut Gotschy 2009 mit seinem Roman „Papaya mit Rosinen“ also einen fulminanten Erstlingsroman hingelegt hat, ergatterte er ein Stipendium beim Institut für Kreatives Schreiben INKAS. Und das spürt man jetzt in seinem neuen Buch „Storch und andere Geschichten“ in jeder Zeile.

„Sein Samen spritzte pulsweise in hohen Fontänen auf seine Schlafanzugjacke, rann über seine Finger und tropfte auf die Unterhose. Jochen atmete stoßweise und sein Herzschlag rauschte in den Ohren“. Nein, das ist kein Zitat aus irgendeinem der zahlreichen am Markt verfügbaren Erotikbücher oder pseudopornografisch unterwanderte Unterhaltungsliteratur. Es ist ein Zitat aus der Titelgeschichte „Storch“ des neuen Buches von Helmut Gotschy „Storch und andere Geschichten“, in der der Autor die Sorgen und Nöte eines sich mitten in der Pubertät befindenden jungen Mannes beschreibt. Was der eine oder andere nicht einmal hinter vorgehaltener Hand erzählt, beschreibt der Autor wie selbstverständlich und ohne Effekthascherei, so wie es ist, bringt die Dinge auf den Punkt, wodurch seine Schreibe authentisch und präzise daher kommt.

In fünfzehn Erzählungen berichtet uns Helmut Gotschy über das Leben. Helmut Gotschy fantasiert nicht in der Gegend herum. Seine Geschichten hätten genauso passiert sein können, wie er sie geschrieben hat. Und zum Teil sind sie auch so passiert.

Seine Sprache ist klar, präzise und dicht. Seine Geschichten erwecken Erinnerungen, und immer wieder überkommt den Leser das Gefühl, persönlich dabei gewesen zu sein.

Dabei verpackt der Autor Lebensweisheiten in seinen Texten, die uns zwar allen irgendwie geläufig sind, an die wir uns durch seine Geschichten aber gerne erinnert fühlen. Denn er kommt uns hierbei nicht mit dem erhobenen Zeigefinder, sondern erinnert uns durch seine Erzählungen in liebenswerter Manier an diese uns längst bekannten Lebensweisheiten. die aber im Alltag immer wieder verschwinden.

Eine Grundaussage, die sich wie ein roter Faden durch seine Geschichten zieht, aber im täglichen Leben von uns oftmals nicht wirklich realisiert wird, ist die, dass wir uns einbilden, wir „hätten alles in der Hand“ Dabei vergessen wir, dass wir zwar einerseits alle Möglichkeiten haben, unser Leben zu gestalten und somit trotz aller noch so gewaltigen Schicksalsschläge Einfluss auf unser Leben nehmen können, die Wahl haben, wie wir es gestalten, dass wir es in der Hand haben, ob unser Leben ein schönes ist oder nicht, geben hierbei aber andererseits und immer wieder der Versuchung nach, unser Schicksal zu „steuern“. Aber wenn wir dran sind, dann erwischt es uns auch! Deshalb ist es umso mehr von Bedeutung, die uns zur Verfügung stehende Zeit sinnvoll zu nutzen, nicht zu vergeuden und das Wesentliche im Blick zu behalten, was immer das für den einzelnen bedeutet. Die erste Erzählung des vorliegenden Buches, die der Autor einfach mit „June“ betitelt, ist hierfür ein Paradebeispiel.

Bei alle dem blitzt immer wieder durch, dass der Autor, was die Lebenserfahrung angeht, aus einer reichhaltige Schatztruhe schöpfen kann. Man spürt in jeder Zeile des Buches, dass Helmut Gotschy eine Menge davon versteht, worüber er schreibt, vom Leben nämlich.

Bei seinen Geschichten handelt es sich um eine Sammlung knapper, manchmal längerer, aber immer pointierter Texte.

Es sind zum großen Teil Weiterentwicklungen von literarischen Skizzen aus dem Studium, das er am Institut für kreatives Schreiben – Inkas – absolviert hat.

Die Erzählungen sind alle zwischen den frühen siebziger Jahren und der Gegenwart angesiedelt. In jedem Fall sind sie alle und immer irgendwie autobiografisch geprägt und manchmal „eins zu eins“ Erzählungen aus seinem realen Leben.

Dabei lässt Helmut Gotschy uns ziemlich brutal mit dem Ausgang der Geschichten alleine und gibt uns so jede Menge Spielraum für eigene Gedanken, bezüglich der Frage, wie die Geschichte ausgehen könnte, jedenfalls lässt er uns in den allermeisten Fällen mit einem „offenen“ Ende“ in seinen Erzählungen zurück, sozusagen mit einem „Gerüst, in das der Leser seine Gedanken einhängen kann“. Ein eher unkonventioneller Ansatz, den der Autor jedoch bis auf wenige Ausnahmen gnadenlos durchzieht und das tut seinen Erzählungen gut.

So bergen die Texte neben klaren Botschaften auch Geheimnisse, deren Auflösung dem Leser überlassen bleibt. Das beginnt im Grunde schon mit den
Überschriften, die in den allermeisten Fällen ebenfalls auf das Wesentliche beschränkt sind, nämlich auf ein Wort.

Einige Texte erfordern sehr sorgfältiges Lesen, um Wesentliches nicht zu überlesen und somit die „Pointen“ zu verpassen. Andere wiederum sind schnell „durchgelesen“ und im besten Sinne des Wortes mit Leichtigkeit zu erfassen. Immer jedoch haben die Erzählungen die notwendige Tiefe, die eine wirklich gute Kurzgeschichte ausmacht.

Auch eher unkonventionell, aber sehr hilfreich: Offene Fragen beantwortet Helmut Gotschy im Schlusskapitel „Hintergründe“, das zu den einzelnen Erzählungen kurze Erklärungen abliefert.

Helmut Gotschy ist gelernter Handwerker. Über 30 Jahre hat er Drehleiern gebaut und hat es dabei zu einem der größten seiner Zunft in Europa gebracht. Spricht man nun bei der Schriftstellerei ebenfalls von einem Handwerk, und Schreiben ist zu einem erheblichen Anteil reines Handwerk, dann hat sich Helmut Gotschy auf dem Weg gemacht, auch hier ein Meister seines Fachs zu werden. Denn auch die „Zunft des Schreibens von Kurzgeschichten“ ist eindeutig sein Metier!

Insofern dürfen wir gespannt sein, was dieser sehr talentierte Schriftsteller uns in Zukunft an weiteren literarischen Arbeiten anzubieten haben wird.

“Storch und andere Geschichten“ ist 2011 als Hardcover-Version im Schweinfurter Wiesenburg-Verlag erschienen und kostet 16,80 Euro.

Lothar Epe, Polio-Forum, im Dezember 2011

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