Wie eine Poliostation einen Riesen zur Strecke bringt

In „Der Riesentöter“ von Iain Lawrence wird die „bewundernswerte Tapferkeit junger Poliopatienten“ in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt.

In "Der Riesentöter" von Iain Lawrence spielen Poliopatienten die Hauptrolle (Foto/Cover: Verlag Freies Geistesleben)

In „Der Riesentöter“ von Iain Lawrence spielen Poliopatienten die Hauptrolle (Foto/Cover: Verlag Freies Geistesleben)

Während sich in den Kinos der Welt Spiderman gerade mit der hochinfektiösen Kinderlähmung herum schlägt, steht in dem neuen Roman des kanadischen Autors Iain Lawrence gleich die komplette Rasselbande einer Poliostation im Mittelpunkt des Geschehens.

Aufwühlender Roman

Laurie ist eine geniale Geschichtenerfinderin. Mit dieser besonderen Begabung entführt sie die Kinder einer Polio-Station in eine fantastische Welt. Was als Fabulieren beginnt, wird bald so wichtig wie das Leben selbst. Die Grenzen zwischen Realität und Fantasie verschwimmen immer mehr. Die Kinder der Poliostation beginnen in der Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit einen bewundernswerten Mut zu entwickeln. Schließlich gelingt es ihnen sogar, gemeinsam einen Riesen zur Strecke zu bringen.

Die Rezensentin der Süddeutschen Zeitung hält „Die Riesentöter“ denn auch für einen aufwühlenden Roman, der den Leser fesselt. Für Verena Hoenig ist das neue Werk des populären kanadischen Schriftstellers aber auch eine Art Verarbeitung eines „weitgehend unbekannten Kapitels der Medizingeschichte und zeige, „wie es mit der Macht der Fantasie gelingt, die kranken Kinder einer Poliostation zu trösten“. Und „Zusammenhalt und Solidarität zwischen ihnen zu fördern“. Es sei Iain Lawrence hier gelungen, „die beiden Erzählebenen meisterhaft miteinander zu verknüpfen“ und „die bewundernswerte Tapferkeit der jungen Patienten in den Mittelpunkt zu rücken“.

„Prominente“ Poliomyelitis

Der Roman und andere Produktionen zum Thema Kinderlähmung haben aber gewiss eine Wirkung, die über das reine Lese- oder Kinovergnügen weit hinaus geht. Denn die längst aus dem kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft verschwundene Poliomyelitis wird durch internationale Kinoproduktionen und weltweit gelesene Romane, die an die verheerende und bis in die frühen 60er Jahre stattgefundenen Epidemien erinnern, wieder „populär“.

Das ist deshalb von so großer Bedeutung, weil derartige Medienereignisse ungleich besser dazu in der Lage sind, für das Thema zu sensibilisieren, als alle heeren und jedenfalls gut gemeinten Bemühungen der Welt zusammen genommen, die über die weiterhin bestehende Gefahr der Ansteckung aufklären. Sie können die Menschen wieder sensibel machen. Dafür, dass es nach wie vor wichtig ist, sich gegen die Poliomyelitis immunisieren zu lassen. Das jedenfalls ist zu hoffen. Schließlich ist entgegen der landläufigen Meinung die Gefahr einer Ansteckung mit Kinderlähmung längst nicht gebannt.

Zu wünschen wäre auch, solche populären Produktionen trügen dazu bei, mehr Verständnis für das Post-Polio-Syndrom zu wecken, das ehemalige Poliopatienten noch nach Jahrzehnten und zum zweiten mal in ihrem Leben mit den Symptomen der Kinderlähmung bestraft. Das aber scheint bisher trotz intensiver Bemühung um Aufklärung (fast) niemanden zu interessieren.

„Nie mehr Kinderlähmung?

Da sich Iain Lawrence bisher vor allem als Kinder- und Jugendbuchator einen Namen gemacht hat, wird durch den Roman wohl vor allem eine junge Leserklientel an das Thema herangeführt. Und das ist auch gut so. Sie nämlich wäre dazu in der Lage, in der Zukunft dafür zu sorgen, dass die Kinderlähmung auch in den inzwischen poliofreien Breitengraden ein Thema bleibt. So könnte ihre diesbezügliche Mission lauten: Nie mehr Kinderlähmung.

Wer das nun für völlig überzogen hält, der darf sich deshalb getrost vor Augen führen, dass wir von der durch die WHO (Weltgesundheitsorganisation) und dankenswerter Weise mit viel Engagement und hohem finanziellen Aufwand angestrebten weltweiten Ausrottung der Poliomyelitis leider immer noch meilenweit entfernt sind. Auch wenn man der Welt seit Jahren geradezu gebetsmühlenartig erklärt, die Krankheit sei eigentlich schon so gut wie ausgerottet. Schließlich befindet sich der Kampf um eine Welt ohne Kinderlähmung schon seit vielen Jahren quasi auf der Zielgeraden. Im letzten und vermeintlich kleinsten Teil der Bemühungen zeigt sich der hochinfektiöse Virus allerdings als besonders hartnäckig und arbeitet sehr erfolgreich an seinem Image der Unzerstörbarkeit.

Wer mag, kann hier einen Blick ins Buch riskieren

Der Roman ist in seiner 1. Auflage 2017 im „Verlag Freies Geistesleben“ erschienen (ISBN 978-3-7725-2757-9) und kostet (gebunden mit Schutzumschlag) € 19,00.

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2 Kommentare

  1. Angelika Stoof sagt am 06.02.2018 um 18:08:

    So, eben aus der Stadt gekommen, und darf nun auf die Lieferung des Buches warten. Bin nun gespannt.

  2. Lothar sagt am 13.02.2018 um 12:11:

    Super, viel Spaß beim Lesen, Angelika!

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