Beschränktes Serum: Wenn der Trip an der Spritze hängt

Der Stoff, aus dem die Träume von einer Welt ohne Polio sind, wird mal wieder knapp. Manchmal muss deshalb sogar eine geplante Reise abgesagt werden. Von Lothar H. Epe

Zur Zeit ist es gar nicht so einfach, sich gegen Polio impfen zu lassen (Foto: seedo/pixelio.de). (Foto: seedo/pixelio.de)

Zur Zeit ist es gar nicht so einfach, sich gegen Polio impfen zu lassen (Foto: seedo/pixelio.de).

Wie mehrere Medien berichten, wird’s beim Impfen gegen Polio gerade mal wieder ziemlich eng. So heißt es zur Zeit immer öfter „rien ne va plus“, wenn Arztpraxen aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz den begehrten Stoff in der Apotheke ordern wollen.

Ursachen für die Impfstoffverknappung

Über Lieferengpässe bei Polioimpfstoffen berichtet auch die Ärzte Zeitung in ihrer Onlineausgabe vom 20. 07. 2017. Demnach sei die Grundimmunisierung von Säuglingen und Kleinkindern mit Sechsfachimpfstoffen zwar weiter möglich. Bei anderen rate die Stiko aber zur Priorisierung. Auch das Paul-Ehrlich-Instituts thematisiert den aktuellen Mangel an Impfstoff-Vorräten in einer zuletzt am 05.07.2017 aktualisierten Mitteilung auf seiner Webseite. Das Robert-Koch-Institut stellt dazu passend in einem aus April 2016 stammenden Epidemiologisches Bulletin Betroffenen „Handlungsempfehlungen bei Nicht-Verfügbarkeit von Tdap bzw. IPV-haltigen Impfstoffen“ zur Verfügung.

Bereits in ihrer Onlineausgabe von 14. April 2016 hat sich die Ärzte Zeitung in einem Leitartikel auf Spurensuche begeben. Die Frage: Wer ist eigentlich für den ärgerlichen Mangel an dem begehrten Stoffes verantwortlich?

Das sind offenbar zunächst mal die Pharmaunternehmen selbst. Immer weniger Arzneimittelhersteller seien in der Lage, die qualitativ sehr anspruchsvolle und hoch sensible Fertigung der Impfstoffe noch zu stemmen, Aber auch die starke Zunahme der weltweiten Nachfrage nach Polio-Impfstoffen trage nicht unerheblich zum Impfstoff-Mangel bei.

Nachfrage steigt weltweit

Dass die Nachfrage nach Polio-Impfstoffen weltweit steigt, liegt auch an den erfolgreichen Impfkampagnen, die schon seit vielen Jahren das Ziel verfolgen, die Welt endgültig von der Polio-Geißel zu befreien. Offenbar befinden sich die Akteure der Kampagnen mit ihrem Anliegen, den Kinderlähmungs-Viren nun endgültig den Garaus zu machen, kurz vor der Verwirklichung ihres erklärten Traums. Erstmal muss dieser Traum aber auch weiterhin einer bleiben. Bisher war man jedenfalls nicht in der Lage, das Ziel zu 100 % umzusetzen. Seit Jahren ist das schon so. Zuletzt war der Triumph über die Polio für 2016 angepeilt, der Traum aber erneut geplatzt, Nach Angaben der deutsch-europäischen Arbeitsgemeinschaft zur Förderung von Forschung, Prävention, Rehabilitation und Selbsthilfe bei Poliomyelitis und deren Spätfolgen, der Polio Initiative Europa (PIE) gab es immerhin zum Stichtag 13. 06. 2017 nur noch 6 gemeldete Polioneuerkrankungen weltweit.

Die Ärzte Zeitung hat aber noch weitere Ursachen für den derzeitigen Mangel an Impfstoffen gefunden. So bestünden ganze bereits hergestellte Impfstoff-Chargen häufig gar nicht erst die strengen Auflagen der zuständigen staatlichen Impfstoffüberwachungsbehörde, kämen deshalb gar nicht erst in den Handel und müssten gleich nach ihrer Herstellung wieder vernichtet werden. Die Produktion einer neuen Impfstoff-Charge dauere dann aber schon mal bis zu zwei Jahre, so das Fachmagazin weiter. Keine Chance also, bei akutem Impfstoffmangel mal eben schnell ein paar neue Chargen zu produzieren.

Paradox: Gefährlicher Lebendimpfstoff

Auch der Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften, die Deutsche Akademie der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften (DAKJ) hatte schon 2013 in einer Stellungnahme die zunehmende Monopolisierung bei den weltweit agierenden Impfstoffproduzenten als eine der Hauptursachen für die offenbar immer wieder mal vorkommenden Lieferengpässe ausgemacht. In dem Statement bemängelt die Akademie deshalb auch, dass sich immer mehr Pharmaunternehmen aus der Herstellung von Impfstoffen zurück zögen. Die dadurch immer weiter zunehmende Konzentration auf wenige Impfstoff-Produzenten sei hauptursächlich für den zunehmende Versorgungsmangel, meckerte der Verband deshalb in seinem erst im Februar 2017 aktualisierten Statement .

Einen weiteren und irgendwie paradoxen Grund für die weltweiten Lieferengpässe des Impfserums gegen die Poliomyelitis hat MDR Aktuell beobachtet (10.07.2017). Typ 2 der Impf- und Wildviren, einer der drei bekannten Poliovirentypen, gelte inzwischen als ausgerottet. Der komme aber noch in bereits produzierten Lebendimpfstoffen vor. Dadurch gehe jetzt eine Gefahr von ihm aus. Deshalb seien schon 2016 in 155 Ländern alle Polio-Impfstoffe mit dem Erreger eingesammelt und vernichtet worden, berichtet der mitteldeutsche Sender.

Wer übrigens gerade einen Trip in ein Land plant, in dem die Einreise an einen Nachweis der Immunisierung gegen Kinderlähmung gekoppelt ist, hat vielleicht ein Problem. Weil der Stoff knapp ist, gilt auch hier vielfach: Nichts geht mehr. Vielleicht muss sich der eine oder andere Touri sogar ein neues Reiseziel suchen, will er seine Sehnsucht nach Ferne stillen. Denn von dem Mangel an Polioimpfstoffen betroffen seien vor allem Fernreisende, konstatiert die Ärzte Zeitung in ihrer Onlineausgabe vom 20. 07. 2017 abschließend.

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