Warum Spiderman jetzt Polio hat

In „Solange ich atme“ wird der berühmte Spinnenmann von einer Kinderlähmung heimgesucht. Von Lothar H. Epe

Bekommt in seinem neuen Kinostreifen eine Poliomyelitis: Andrew Garfield (Foto: Eva Rinaldi/Wikipedia/CC BY-SA 2.0)

Er geht immer noch problemlos als der Traum aller durch Schnappatmung schlaflosen Schwiegermütter durch. Und dank einer eingerichteten Dauerbeatmung muss Andrew Garfield auch diese Rolle in seinem neuen Film erstmal nicht aufgeben. Durch das orthopädische Hilfsmittel hat der von einer Kinderlähmung heimgesuchte „Spiderman“ nämlich auch weiterhin genug Luft zum Atmen.

In „Breathe“, so der Originaltitel des neuen Kinofilms aus Großbritannien, mutiert Spiderman unerschrocken zum Behindertenaktivisten. Obendrein wird der berühmte Spinnenmann auch zum Polio-Erklär-Bär für Krankenschwestern.

Polio-Erklär-Bär für Krankenschwestern

Ende der 50er Jahre treibt auch in England der hochinfektiöse Polio-Virus sein todbringendes Unwesen. Auch der 1930 geborene und inzwischen 28 Jahre alte Brite Robin Cavendish aus dem in der Nähe von Manchester gelegenen Middleton wird vom dem hochansteckenden Virus heimgesucht und ist fortan vom Hals an abwärts gelähmt.

Von nun an auf ein Beatmungsgerät angewiesen hat Cavendish nach der Prognose des medizinischen Fachpersonals noch maximal drei Monate zu leben. Später korrigieren die Ärzte ihre Prognose und erhöhen die dem Protagonisten zugestandene Lebenszeit auf ein Jahr. Nach diesem Jahr lebt Cavendish aber immer noch und verlässt gegen den ausdrücklichen Rat des medizinisichen Fachpersonals und mit Hilfe seiner Lebensgefährtin das Krankenhaus. Die Ereignisse nehmen ihren Lauf.

Die Handlung beruht auf einer wahren Begebenheit, machte Carvendish zu einer medizinischen Sensation seiner Zeit und nun auch zum Filmstar.

Verfilmung einer wahren Geschichte

Wer wissen will, ob sich die Mühe lohnt, für den Film ins Kino zu gehen, wird sich in Deutschland wohl noch bis nächste Woche Donnerstag gedulden müssen. Ursprünglich war der aus 2017 stammende Hollywoodstreifen für einen deutlich früheren Zeitpunkt in den deutschen Kinos angekündigt. Der geneigte Cineast wird demnach erst erfahren, ob sich sein kinotechnischer Einsatz sich ausgezahlt hat, wenn er sich dieser Mühe längst unterzogen hat.

Während der Film in den Kinos auf der anderen Seite des Teiches nämlich schon eine Weile bestaunt werden kann, wird der Streifen hierzulande wohl erst ab dem 19. April 2018 in den deutschen Kinos zu sehen sein. Zunächst war der Starttermin auch in Deutschland bereits für den 21. Dezember 2017 und insofern quasi als Weihnachtsfilm angekündigt, so dass aus dem vermeintlich vorzeitigen Weihnachtsgeschenk nun wohl doch eher ein verspätetes Osterei wird.

Doch was tun, wenn der Geduldsfaden schon längst gerissen ist? Einfach mal ins Handtuch beißen? In Schnappatmung verfallen, bis Spidermann auch kinotechnisch endlich wieder atmet? Oder doch lieber schnell über den großen Teich fliegen und das Original in den Vereinigten Staaten von Amerika anschauen? Die Redaktion empfiehlt jedenfalls: Versuchen sie es mit dem Motto des berühmten schwedischen Möbelhauses, nachdem es sich lohnen könnte, einfach mal die Möglichkeiten zu entdecken. Füße einfach mal stillhalten geht auch.

Eines ist aber jetzt schon klar. Auch bei diesem Kinoereignis dürfte es wohl eher eine Nebenrolle spielen, ob der Film als gelungen durchgeht. Oder ob auch hier wieder vor allem Klischees bedient werden. Nach dem Motto „Erlaubt ist, was der festlichen Unterhaltung dient“ wird der Film jedenfalls auch hierzulande eine breite Öffentlichkeit finden. Und das ist auch gut so.

Wie auch Polioüberlebende profitieren

Also für ein breites internationales Kino-Publikums gestrickt, erinnert der Streifen an die Geschichte einer Krankheit, die auch in Deutschland noch bis Anfang der 60er Jahre unzählige Menschen umbrachte und viele Polio-Opfer schwer behindert zurück ließ. Heute sind die damaligen durch den Virus verursachten Masseninfektionen dank erfolgreicher Impfprogramme Gott sei Dank schon lange und erst mal kein Thema mehr.

Sie sind deshalb bei vielen aber leider auch in Vergessenheit geraten. Man fühlt sich sicher, was auch die hierzulande weit verbreitete Impfmüdigkeit erklären könnte. Die Skepsis der Impfgegner gegenüber den inzwischen offenbar nachgewiesen sicheren Impfstoffen tut ihr Übriges. Dabei wäre es, übrigens nicht nur für die noch heute lebenden Polioopfer, so wichtig, sich zu erinnern.

Irgendwie paradoxer Weise könnte der Film jedenfalls auch den heute noch lebenden Polio-Opfern weiter helfen. Der Streifen könnte, wenn es gut läuft, in der Gesellschaft mehr Verständnis für wecken für Menschen, die von den Folgen einer durchgemachten Poliomyelitis betroffen sind, indem das Problem erst einmal einer breiten Öffentlichkeit bekannt wird. Schließlich wendet sich der Film, der nach den vorherrschenden Regeln für cineastische Vorführungen auch in Deutschland zu einem Erfolg werden dürfte, an ein großes internationales Publikum. Und selbst, wenn der Film nicht reihenweise und sozusagen im Sturm die diversen Kinocharts erstürmen sollte: Nach den vorherrschenden Regeln der existierenden Kinowelten wird er doch die Herzen vieler Kinobesucher erreichen und so dabei helfen, das Thema Polio in der Gesellschaft wieder präsenter zu machen. Zu einem späteren Zeitpunkt dürfte sich der Streifen demnach wohl auch an zahlreiche DVD-Nutzer und Streamingkonsumenten aus der Kategorie „Netflix & Co.“ richten. Er kann so vielleicht sogar für die Spätfolgen der Krankheit, für das Post-Polio-Syndroms, sensibilisieren. Das jedenfalls bleibt zu hoffen.

Und auch das ist wahr, ob es uns als Poliobetroffene nun interessiert oder am Allerwertesten vorbei geht: Jedes einzelne solcher medialen Großereignisse, egal, ob es sich nun um Kino-Filme, Belletristik-Bestseller oder „konzertante Großveranstaltungen“handelt, die das Thema in die Öffentlichkeit transportierten, ist ungleich besser dazu in der Lage, für das Problem zu sensibilisieren, als alle Fachartikel, Veranstaltungen und Vorträge zum Thema auf der ganzen Welt zusammen genommen,

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