Poliobetroffene Bundestagskandidatin im Interview

Sollte Angelika Stoof am Sonntag in den Bundestag gewählt werden, will sie den Schwachen eine starke Stimme geben. Von Lothar H. Epe

Angelika Stoof auf einem Wahlplakat der

Angelika Stoof auf einem Wahlplakat der „Unabhängigen Bürger“ (Bild: „Unabhängige Bürger“ Schwerin“/Angelika Stoof)

Kurz vor dem Tag der Wahrheit hat Angelika Stoof der Redaktion des Polio-Forums noch schnell ein paar Fragen beantwortet. Wie die Rollstuhlfahrerin eigentlich auf die Idee gekommen ist, zur Bundestagswahl anzutreten, was denn so alles auf ihrer politischen Agenda steht und warum die ehemalige Herrenmaßschneiderin auch heute noch gerne häkelt, erfahren Sie im folgenden Interview.

Polio-Forum: Angelika, wie bist Du eigentlich auf die Idee gekommen, Dich für den Deutschen Bundestag zu bewerben?

Angelika Stoof: Da habe ich wirklich lange überlegt und es mir nicht leicht gemacht. Meine Hausärztin hat mich als erste angesprochen und dann meine Fraktion „Unabhängige Bürger“. Sie haben gesagt, dass ich für so eine Kandidatur die beste Lösung für die Fraktion sei. Aber auch danach war ich noch nicht überzeugt. Schließlich will man ja auch ordentlich machen, was man anpackt. Ich habe ja auch ohne die Kandidatur schon ziemlich viel Programm. Schließlich habe ich mich für eine Kandidatur entschieden, weil ich überzeugt bin, so am besten selbst etwas gestalten zu können.

Welche politischen Ziele stehen denn so auf Deiner Agenda?

Ich will helfen, soziale Ungerechtigkeiten abzuschaffen. Konkret geht es mir also vor allem um soziale Themen. Die Barrierefreiheit in unserer Gesellschaft ist für mich auch ein großes Thema. Auf jeden Fall will ich aber mit meiner Kandidatur ein Zeichen setzen für mehr Menschlichkeit und soziale Gerechtigkeit.

Seit wann bist Du schon politisch aktiv und was hast Du da bisher so gemacht?

Politisch aktiv war ich schon zu DDR Zeiten. Ich war aber kein Mitglied der Partei. Im Betrieb habe ich mich schon damals als Gewerkschaftsvorsitzende engagiert.

2009 wurden Ortsbeiratsmitglieder für die „Unabhängigen Bürger“ (UB) gesucht. Ich wurde von der Fraktion eingeladen und habe an einige Sitzungen teilgenommen. Schnell war klar, dass man dort seine eigene Meinung haben darf und keine Maulschelle bekommt. Da habe ich mich dann dazu entschlossen, der Fraktion beizutreten. Durch die Fraktion wurde ich dann in den Behindertenbeirat entsandt, wo ich heute Vorsitzende bin.

Angelika Stoof will den Schwachen eine starke Stimme geben (Bild: Angelika Stoof)

Angelika Stoof will den Schwachen eine starke Stimme geben (Bild: Angelika Stoof)

Wie schätzt Du persönlich Deine Chance ein, vom Wähler ein Bundestagsmandat zu bekommen?

Die Unabhängigen Bürger sind ja keine Partei. Sie sind eine Wählergemeinschaft und stehen zu meiner Kandidatur. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber ich glaube persönlich nicht daran, dass ich am Sonntag in den Bundestag einziehen kann.

Wenn Du doch vorher schon weißt, dass Du keine reelle Chance hast, in den Bundestag gewählt zu werden: Warum stellst Du Dich dann als Kandidatin zur Verfügung?

Wie schon gesagt, ich will politisch und gesellschaftlich selbst etwas bewegen. Ich habe auch schon viel Zuspruch bekommen. Durch meine Kandidatur wird jedenfalls auf „unsere Probleme“ aufmerksam gemacht. Vielleicht erkennt ja sogar eine Partei tatsächlich mal die reellen Umstände, wie sie an der Basis vorherrschen und fängt endlich an, dem Volk wieder auf das „Maul“ zu schauen und dann auch danach zu handeln. Nur immer Versprechungen zu machen, reicht halt nicht. Der „Reichtum von Deutschland“ geht auf jeden Fall bisher an den meisten Bürgern der Republik vorbei.

Wenn man sich anschaut, was Du so alles veranstaltest, dann bist Du ja wohl so eine Art Hansine Dampf in allen Gassen. Wie lange engagierst Du Dich denn schon ehrenamtlich und wo tust Du das genau?

Die Selbsthilfegruppe für Menschen mit Kinderlähmungsfolgen habe ich 2010 übernommen, weil schlicht kein anderer da war, der das übernehmen konnte oder wollte. Von da aus habe ich dann in verschiedenen Gremien und Landesarbeitsgemeinschaften Mecklenburg-Vorpommerns mitgearbeitet. Schon ab 2009 habe ich angefangen, in der Fraktion der Unabhängigen Bürger mitzuarbeiten.

Bist Du ein Vorbild für andere?

Nein, das glaube ich nicht, Ich möchte das auch gar nicht sein. Ich habe aber selbst Vorbilder, zum Beispiel Mutter Teresa.

Was bedeutet für Dich Heimat?

Ich lebe seit 1976 in Schwerin. Und ich kann sagen, die Stadt ist mir sehr ans Herz gewachsen. Da habe ich also mein Zuhause, Das ist Heimat für mich.

Kannst Du Dich noch daran erinnern, wie das damals war, als Du die Kinderlähmung bekommen hast?

Ich bin 1956 geboren und habe mich im Alter von zwei Jahren mit der Poliomyelitis angesteckt. Da ich zu der Zeit in einem Kinderheim lebte, kann mir heute niemand mehr erzählen, wie das damals war. Ich selbst habe daran nämlich gar keine Erinnerungen.

Bald ist der Wahlkampf geschafft: Angelika Stoof und ihre Mitstreiter von der Wählervereinigung

Bald ist der Wahlkampf geschafft: Angelika Stoof und ihre Mitstreiter von der Wählervereinigung „UB“ (Bild: UB/Angelika Stoof)

Du sitzt im Rollstuhl. Wegen der Spätfolgen der Polio, dem Post-Polio-Syndrom?

Ja. Nach der Wende bekam ich gesundheitliche Probleme, Und es begann eine Irrfahrt von einem zum anderen Arzt. Bis dann endlich ein Arzt das Post-Polio-Syndrom bei mir diagnostiziert hat. Davon hatte ich bis dahin noch nichts gehört. Und nicht alle Ärzte lassen ja das Post-Polio-Syndrom auch als Krankheit gelten. Also war zunächst das Internet gefragt. Dann besuchte ich eine Selbsthilfegruppe für Menschen mit Kinderlähmungsfolgen, wo ich dann auch sehr ausführlich über die Erkrankung aufgeklärt wurde.

Hast Du denn als so viel beschäftigte Frau überhaupt noch Zeit für Hobbys?

Ja sicher. Als ehemalige Herrenmaßschneiderin, so nannte man das damals in der DDR, mag ich Handarbeiten, das Nähen aber immer weniger, weil es mir zunehmend schwerer fällt. Es ist noch nicht lange her, da habe ich für jedes Mitglied meiner Selbsthilfegruppe zu Weihnachten ein Paar Bettschuhe gehäkelt, wegen der kalten Beine, die Poliobetroffene so oft plagen. Ich lese aber auch gerne und bin so oft es geht, in der Natur unterwegs. Wenn ich Ruhe brauche und das Wetter mit macht, bin ich auch gerne im Zoo oder im Schlossgarten. Ich bin jedenfalls sehr viel an der frischen Luft, wenn die Zeit es zulässt.

Angelika, vielen Dank, dass Du Zeit für uns hattest! Für die Wahl am Sonntag wünschen wir Dir viel Erfolg!

Sehr gerne. Und vielen Dank!

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2 Kommentare

  1. Angelika ich drücke dir die Daumen für Sonntag. Ich finde es sehr schön wie du dich für die Behinderten einsetzt. Nochmals viel Erfolg aus der Schweiz!

  2. Muß mich da ja eigentlich zurück halten, aber: Ja, ich gestehe, ich drück Dir auch die Daumen, Angelika!

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